Aus dem Archiv: Gemein & Gefährlich
Shownotes
Leider mussten wir unsere Winterpause aus persönlichen Gründen um zwei Wochen verlängern. Das tut uns wahnsinnig leid. Um euch ein wenig zu vertrösten, kommt heute dafür eine Folge aus dem Archiv, die wir sehr spannend finden. Regulär geht es hier dann am 04. Februar mit einer neuen mindestens genauso spannenden Folge weiter.
Triggerwarnung: In dem ersten Fall geht es um Gewalt an Kindern. Wenn es um die Tötung eines Menschen geht, definiert das Strafgesetzbuch mit den Mordmerkmalen eine Reihe verwerflicher Gründe und Begehungsweisen. Doch manchmal kann auch die Wahl der Tatwaffe dazu führen, dass ein Tötungsdelikt als Mord gewertet wird.
Als die zwölfjährige Jaquie nach einem langen Schultag den Flur ihres Wohnhauses betritt, fällt ihr eine Sache sofort ins Auge: Aus dem Schlitz des Familienbriefkastens ragt ein großer Umschlag. Sterne und Nikoläuse verzieren das weiße Papier. Jaquie ist sich sicher: Das muss Weihnachtspost sein. Doch als sie entschlossen an der Briefsendung zieht, wird alles um sie herum schwarz…
Für Mascha und Valentin neigt sich ein gelungenes Wochenende dem Ende zu. Nach einem Aufenthalt an der Ostsee befindet sich das Paar am Ostersonntag 2008 gemeinsam mit seinen zwei Kindern auf dem Heimweg. Genauso wie im Familienauto geht es auch auf der A27 an diesem Abend ruhig zu. Doch dann zerstört plötzlich ein ohrenbetäubender Knall die Stille - und der Kilometer 42 bei Oldenburg wird zum Tatort.
Dieses Mal wird es gemein und gefährlich. In dieser Folge von “Mordlust - Verbrechen und ihre Hintergründe” widmen wir uns nämlich dem Mordmerkmal der gemeingefährlichen Mittel. Anhand von Beispielen erklären wir, was die Gemeingefährlichkeit ausmacht und welche Rolle der Vorsatz dabei spielt. Außerdem erhalten wir einen Einblick in die Psyche einer besonderen Täter:innengruppe.
Interviewpartner dieser Folge: Rechtspsychologe Prof. Dr. Dietmar Heubrock, Strafrechtsprofessor Dr. Sönke Gerhold
Credit Produzentinnen/ Hosts: Paulina Krasa, Laura Wohlers Recherche: Paulina Krasa, Laura Wohlers, Jennifer Fahrenholz Schnitt: Pauline Korb
Shownotes
Fall “Mailin” LG Berlin, Urteil vom 22.01.2010 - (529) 1 Kap Js 2276/08 Ks (8/09) Zeit: Die zertrümmerte Idylle: https://tinyurl.com/2jshb8ph Süddeutsche Zeitung: Rachefeldzug gegen die eigene Familie: https://tinyurl.com/bde4c884 Tagesspiegel: Urteil. Briefbomber ließ den Opfern keine Chance: https://tinyurl.com/ph6j89zh ZDF Doku: Ermittler! Tatort Berlin: https://tinyurl.com/pmpt2839
Fall “Mascha” LG Oldenburg, Urteil vom 20.05.2009 - 5 Ks 8/08 Stern: Holzklotz-Anschlag: „Mörder sollen das hier lesen“: https://tinyurl.com/22jmnzkz Spiegel: Holzklotz-Prozess: „Heimtückisch mit gemeingefährlichen Mitteln“: https://tinyurl.com/3cfsxr9z Frankfurter Allgemeine: Lebenslang für den Holzklotzwerfer: „Eine grauenvolle, sinnlose Tat“: https://tinyurl.com/3vw34hhc
Diskussion BGH, Beschluss vom 14.04.2020 - Aktenzeichen 5 StR 93/20 BGH Urteil vom 16.8.2005, Az: 4 StR 168/05 FAZ: Betrunkener Autofahrer rast in Straßencafé: https://tinyurl.com/y2wxt7xd ADAC: Steinewerfer: Wie reagiere ich richtig?: https://tinyurl.com/k86z46cf Stuttgarter Zeitung: Die Todesbrücke auf der Insel Fünen: https://tinyurl.com/mr9r6sfj
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Transkript anzeigen
00:00:00: Hallo.
00:00:00: Hallo.
00:00:01: Wir sind's wieder.
00:00:02: Eure Mordlust-Tanten noch im Standby-Modus.
00:00:07: Wir wollten ja eigentlich am XXI.
00:00:09: Januar wieder zurück aus der Winterpause sein.
00:00:11: Das hat nicht ganz geklappt, wie ihr erfahren habt, wenn ihr die letzte Folge angemacht habt.
00:00:17: Und da ihr den Anfang angehört habt, tut uns total leid.
00:00:20: Wir arbeiten aber im Hintergrund... weiter fleißig an den neuen Folgen und nächsten Mittwoch, also am vierten Februar, kommt auch auf jeden Fall eine neue Folge raus.
00:00:31: bis dahin, damit ihr noch was zu hören habt, haben wir in den Weiten unseres Archivs gekramt und eine Folge für euch rausgesucht, von der wir finden, dass ihr die heute anhören könntet, auch wenn ihr sie schon mal gehört habt.
00:00:44: Genau, das ist nämlich eine richtig typische Mordlustfolge, würde ich sagen, so wie wir sie früher gemacht haben.
00:00:51: Nicht nur, weil in dieser Folge zwei Fälle erzählt werden, sondern auch, weil es um ein Mordmerkmal geht.
00:00:58: Die, die uns schon sehr lange hören, wissen ja, dass wir alle Mordmerkmale durchgegangen sind und euch versucht haben, so gut es geht, nahezu bringen, was deren Eigenheiten sind und wie juristisch mit denen sozusagen umgegangen wird.
00:01:11: Und in dem Fall, also in dieser Folge geht es um das gemeingefährliche Mittel.
00:01:15: Das heißt, es geht um zwei Fälle, bei der die Wahl der Tatwaffe dazu geführt hat, dass die Tötungsdelikte als Mord gewertet wurden.
00:01:22: Oder auch nicht, Frau Wohlas.
00:01:24: Wir haben doch die Folge auch noch mal gehört.
00:01:27: Was?
00:01:28: Hä?
00:01:28: Warte mal, aber die beiden Fälle sind doch, das sind doch ungewöhnliche, gefährliche Mittel.
00:01:33: Nein.
00:01:35: Nein,
00:01:35: nein, nein.
00:01:37: Hey, ich habe die aber doch gerade auch noch mal gehört.
00:01:39: Bist du dir jetzt sogar ganz sicher?
00:01:41: Ja, aber ich weiß doch noch ganz genau, weil das war die erste Folge unserer Redakteurin Jennifer Fahrenholz, die uns nicht im Pitch gesagt hat.
00:01:56: Mehr möchte ich jetzt hier nicht verraten.
00:01:58: Guck mal, das ist mir gar nicht aufgefallen beim noch mal hören.
00:02:00: Ja, vielleicht rede ich jetzt hier auch gerade quatscht, aber ich glaube eigentlich nicht.
00:02:03: Denn an Enttäuschungen und Wut kann ich mich immer super erinnern.
00:02:07: Hätte ich damals schon gewusst, was für eine großartige Redakteurin Jenny ist, hätte das alles in dem Moment entschädelt.
00:02:14: So oder so ist es eine super Folge und wir hoffen, dass ihr nicht allzu enttäuscht seid jetzt und diese eine Woche jetzt noch mit dieser Folge aus dem Archiv ganz gut rumbekommt.
00:02:24: Wir haben ja von euch ganz viele superliebe Nachrichten und Kommentare bekommen zu dieser Verlängerung der Winterpause.
00:02:31: Und damit haben wir ehrlicherweise ja gar nicht so gerechnet und wurden ein bisschen von Liebe überschüttet, was uns auf jeden Fall jetzt auch in dieser Zeit nochmal total geholfen hat.
00:02:40: Und durch diese ganzen Nachrichten, wie wichtig euch auch mortlos ist und wobei euch Mortus schon überall so geholfen hat in welchen schweren Zeiten.
00:02:48: Das hat uns auf jeden Fall nochmal ganz viel Motivation gegeben.
00:02:52: euch jetzt in diesem Jahr mit ganz vielen spannenden Folgen zu beglücken.
00:02:57: Wenn man das so sagen kann.
00:02:59: Genau, aber jetzt gibt es noch mal eine Folge aus dem Sommer.
00:03:03: Ich weiß nicht, ob es euch auch so erging, aber als wir die alten Folgen gehört haben und die sind ja jetzt erst so zwei Jahre alt, haben wir uns darüber gewundert, wie anders sich unsere Stimmen damals angehört haben.
00:03:13: Das Leben hinterlässt offenbar nicht nur Spuren auf der Seele und im Gesicht, sondern auch auf den Stimmbändern.
00:03:20: Wir freuen uns auf jeden Fall nächste Woche dann endlich zurück zu sein.
00:03:35: Und damit herzlich willkommen zu Mordlust, einem Podcast der Partner in Crime.
00:03:38: Wir reden hier über wahre Verbrechen und ihre Hintergründe.
00:03:41: Mein Name ist Paulina Kraser.
00:03:43: Und ich bin Laura Wohlers.
00:03:44: In jeder Folge gibt es ein bestimmtes Oberthema, zudem wir zwei wahre Kriminalfälle nach erzählen, über die diskutieren und auch mit Menschen mit Expertise sprechen.
00:03:52: Hier geht's um True Crime, also auch um die Schicksale von Menschen.
00:03:55: Bitte behaltet das immer im Hinterkopf, das machen wir auch.
00:03:58: Selbst dann werden wir zwischendurch mal ein bisschen ungehämter miteinander sprechen.
00:04:01: Das ist für uns so eine Art Comic-Redeve, aber natürlich nicht despektierlich gemeint.
00:04:05: Im
00:04:05: Januar, im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im und verlässt dann das Gebäude.
00:04:22: Problem ist, zu dieser Zeit befinden sich noch drei weitere Geflüchtete in der Unterkunft.
00:04:27: Einer von denen entdeckt dann zum Glück den Brand und kann alle informieren, sodass niemand ernsthaft zu Schaden kommt.
00:04:33: Aber der Täter, der muss sich dann einige Monate später wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten.
00:04:39: Im Januar, verpasst eine alte Dame ihrem Ex-Mann nach einem Streit mit einem Fleischklopfer einen Schlag auf den Kopf.
00:04:47: Als der dann verletzt zum Telefon greift, um den Notruf zu wählen, schüttet sie Benzin über ihn und zündet dann ein Streichholz an und wirft es auf ihn.
00:04:54: Ausgang kann man sich wahrscheinlich denken, der Mann geht in Flammen auf und stirbt und die Frau wird wegen Mordes angeklagt.
00:05:01: Die beiden Fälle sind ja sehr unterschiedlich, aber die haben eine offensichtliche Gemeinsamkeit und zwar das Feuer.
00:05:08: Bei uns geht es heute aber nicht um Brandstiftung, sondern um das sogenannte gemeingefährliche Mittel und damit um eines der wenigen Mordmerkmale, die wir noch nicht hier im Podcast besprochen haben.
00:05:18: Das Mordmerkmal wurde aber nur in einem der beiden Fälle, die wir jetzt gerade vorgestellt haben, festgestellt, in welchem und warum.
00:05:26: Das sollte auf jeden Fall am Ende dieser Folge für euch alle klar sein.
00:05:29: Mein Fall zeigt, dass Vergeltung durchaus ihr Ziel verfehlen kann.
00:05:33: Vor allem, wenn sich das dafür verwendete Mittel der eigenen Kontrolle entzieht.
00:05:38: Fast alle Namen habe ich geändert und die passende Trigger-Warnung findet ihr in der Folgenbeschreibung.
00:05:44: Und spektakulär, fast langweilig und auch irgendwie austauschbar.
00:05:49: Der Wohnkomplex, der in eine Grünanlage in Berliner Ortsteil Rudow eingebettet ist, spielt optisch das wieder, was die meisten Menschen wohl als durchschnittlich bezeichnen würden.
00:05:59: Verschiedene Mehrfamilienhäuser mit weißen, roten und blauen Fassaden reihen sich aneinander wie bunte Perlen auf einer Schnur.
00:06:06: Die Bomber sind kahl und verraten, dass der Herbst schon bald dem Winter weichen wird.
00:06:10: Es ist etwa acht Uhr, als Familienvater Thomas auch an diesem nachtskalten Morgen, des sechsohnzwanzigsten November zwei Tausendacht, seine Wohnung verlässt, in der er mit seiner Frau Svenja und den drei Kindern lebt.
00:06:21: Mit Eddie, dem Nesthäkchen, Pia, der Mittlerin und mit Jackie, der Großen.
00:06:26: Thomas hat es an diesem Morgen eilig, er ist zu spät dran.
00:06:29: Mit gezählten Schritten nähert er sich seinem Auto, mit dem er wie jeden Tag zur Arbeit fahren will.
00:06:34: Eine Sache passt an diesem frühen Mittwoch, jedoch nicht ins alltägliche Bild.
00:06:38: Auf dem Dach seines Ope Astra steht etwas.
00:06:41: Thomas ist irritiert, ergreift danach.
00:06:43: Verdurzt blickt er auf eine Konservendose, die er in den Händen hält.
00:06:47: Eine Verpackung für Kidneybohnen, die aber schon geöffnet wurde.
00:06:50: Der zerbeulte Deckel ist nur sporadisch oben draufgelegt, aus dem Inneren hängen dünne Drähte.
00:06:56: Warum stellt jemand Müll auf seinem Auto ab?
00:06:59: Und was hat es mit den Drähten auf sich?
00:07:01: Er beschließt die Suche nach Antworten auf die Frage auf später zu schieben, die Zeit drängt.
00:07:06: achtlos, legt Thomas den bizarren Gegenstand in den Kofferraum seines Wagens.
00:07:10: Dann fährt er los, in der Erwartung, dass vor ihm ein ganz normaler Arbeitstag liegt.
00:07:15: Er weiß weder, welch tödliche Gefahr er durch die Straßen der Hauptstadt transportiert, noch, welche dramatische Wendung dieser sechsohnzwanzigste November noch nehmen wird.
00:07:24: Später am Tag.
00:07:25: Die Dämmerung hat bereits eingesetzt, als Thomas Tochter Junkie sich an diesem Nachmittag ihrem Zuhause in Berlin-Rudo nähert.
00:07:32: Es ist etwa viertel nach vier.
00:07:33: Die zwölfjährige hat einen langen Tag hinter sich und kommt gerade erst aus der Schule.
00:07:37: Nachdem sie die große Steiner eine Stufe überwunden hat, begibt sie sich durch die Eingangstür in den Hausflur.
00:07:42: Gleich will sie sich an ihre Hausaufgaben machen, fleißig und pflichtbewusst, wie sie ist.
00:07:46: Jacqui ist eine gute Schülerin.
00:07:48: Darauf ist vor allem Thomas Stolz.
00:07:50: Der ist zwar eigentlich nur ihr Stiefvater, aber die beiden stehen sich sehr nahe.
00:07:54: Seit September besucht Jacqui die siebte Klasse eines Gymnasiums.
00:07:58: Mit ihrer herzlichen Art hat sie schnell Anschluss gefunden.
00:08:01: Doch nicht nur neue Freundschaften, auch ein neues Hobby breiten der zwölfjährigen große Freude.
00:08:06: Seit etwa einem halben Jahr lernt Jackie Klavier.
00:08:08: Die Schülerin ist ein großer Fan von klassischer Musik, aber ihr gefallen auch die aktuellen Pop-Songs wie den meisten in ihrer Klasse.
00:08:15: Doch für heute ist die Schule nun vorbei und Jackie wird nun erst mal Zeit zu Hause verbringen.
00:08:20: Als sie den Stuhl des Erdgeschosses betritt, fällt ihr Blick auf die Briefkästen.
00:08:23: Etwas Sonderbares, das im Kasten der Ost steckt, hat ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
00:08:29: Etwa zur selben Zeit sitzt Vater Thomas an diesem Tag zum zweiten Mal im Auto.
00:08:33: Eigentlich hat er Feierabend, doch statt den entspannt einzuleuten, entscheidet er sich für einen Umweg.
00:08:39: Thomas will vorher noch bei der Polizei vorbeischauen.
00:08:41: Die merkwürdige Konservendose, die heute Morgen auf seinem Autodach stand und sich seit Stunden in seinem Kofferraum befindet, hat ihm den ganzen Tag über keine Ruhe gelassen.
00:08:50: Einen Abstecher zu der nächstgelegenen Wache zu machen, erscheint ihm eine gute Idee.
00:08:54: Und tatsächlich stellt sich seine Einschätzung als richtiges Bauchgefühl heraus.
00:08:58: Denn als Thomas mit der Dose in der Hand das Polizeirevier betritt und den Beamtinnen seines Guriler Entdeckung präsentiert, sind die sofort in höchster Alarmbereitschaft.
00:09:08: Nach einer Begutachtung ist klar, bei der mit dretend befüllten Büchse handelt es sich um etwas, das im Fach jargon als USBV bezeichnet wird.
00:09:16: Eine unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung.
00:09:18: Anders formuliert eine selbstgebastete Bombe.
00:09:22: Die Expertinnen teilen mit, dass der Sprengensatz so konstruiert ist, dass er eigentlich hätte explodieren müssen, als er ihn am Morgen angehoben hat.
00:09:29: Warum die Explosion ausgeblieben ist, können sich die Polizistinnen nicht erklären.
00:09:33: Viel Zeit, die gefährliche Situation, in der er sich offenbar befunden hat zu reflektieren, hat Thomas jedoch nicht, denn die Polizistinnen haben noch eine weitere Schreckensnachricht für ihn.
00:09:44: Als Jackie kurze Zeit zuvor von der Schule nach Hause kommt und ihr Blick auf die Briefkästen fällt, bleibt sie stehen.
00:09:49: Aus dem Fach ihrer Familie ragt ein großer Umschlag, der ihre Neugierde weckt.
00:09:53: Aufkleber in Form von Sternen verziehen das schlichte Papier.
00:09:56: Nicoläuse und andere Festfiguren wünschen frohe Weihnachten.
00:10:00: Entschlossen greift die Schülere nach dem einladenden Umschlag, um ihn aus dem Briefkasten zu fischen.
00:10:05: Doch da ertönt ein orenbetäubender Knall im zuvor stillen Hausflur.
00:10:10: Und mit ihm verdunkelt sich die Welt um Jackie.
00:10:13: Die Detonation im Eingang des Wohnhauses ist so gewaltig, dass die Druckwelle Türen aufreißt, Glasscheiben und Fenster zerspringen lässt und selbst die Möbel in den oberen Etagen zum Backen und Zittern bringt.
00:10:24: Einige der Bewohnerinnen treibt es nach dem Knall aus ihren Wohnungen ins Erdgeschoss.
00:10:28: Dort legt sich der Qualm wie ein grauer Schleier über die Szene, die erst nach ein paar Sekunden richtig zu erkennen ist.
00:10:34: Auf dem Boden liegt Jucky, Blut überströmt, zusammengekauert und wimmernd.
00:10:39: Ruß bedeckt ihr langes schmales Gesicht.
00:10:43: Oh Gott.
00:10:45: Oh Gott.
00:10:47: Oh Gott.
00:10:48: Oh Gott.
00:11:02: Als Stiefpapar Thomas auf dem Polizeirevier erfährt, dass nicht nur er bei einer Opfer eines Bombenanschlags wurde, sondern es auch bei ihm zu Hause eine Exklusion gab, bei der seine Tochter schwer verletzt wurde, reist es ihm den Boden unter den Füßen weg.
00:11:15: Gleichzeitig herrscht auf der Dienststelle noch höchste Gefahrenstufe.
00:11:18: Der betroffene Abschnitt auf der Wache wird weitläufig geräumt.
00:11:22: Er schüttert und mit vielen Fragezeichen im Kopf verfolgt Thomas wie Sprengmeister in Antreten, um die Sprengstoffvorrichtung zu entschärfen.
00:11:28: Kurze Zeit später gelingt ihnen das auch.
00:11:30: Doch während hier die Gefahr nun gebannt ist, kämpft Thomas Stieftochter immer noch um ihr Leben.
00:11:36: Jacqui hat mittlerweile das Bewusstsein verloren und so nimmt sie selbst nicht das rasante Tempo wahr, in dem sich die Rettungskräfte den Weg durch die Straßen Berlins bauen.
00:11:45: Die Fahrt in Richtung Unverkrankenhaus Matzahn gleicht einem Kampf um die Zeit, denn Juckies Zustand ist kritisch.
00:11:51: Sie hat nicht nur schwere Verbrennungen am Oberkörper und im Gesicht erlitten.
00:11:54: Die Explosion hat ihren Arm nahezu vollständig zerrissen und abgetrennt.
00:11:58: Nur noch auf nahezu der Hälfte der Fläche ihres Unterarms befindet sich Haut.
00:12:02: In der Klinik angekommen, wird Juckie sofort in einen der Operationssäle geschoben.
00:12:07: In der Not-OP, die sechs Stunden dauern wird, ist sie auf das medizinische Können der Ärztinnen angewiesen.
00:12:13: Noch vor einigen Minuten hatte sich Jackie über mutmaßliche Weihnachtspost gefreut.
00:12:16: Nun geht es für sie auf dem OP-Tisch um Leben und Tod.
00:12:20: Unterdessen versucht die Polizei zu rekonstruieren, was eigentlich passiert ist und vor allem wieso.
00:12:26: Den rund zweihundert Beamtinnen, die nach der Nachricht über die Explosion nach Rudow ausgerückt sind, präsentiert sich im spärlich ausgeleuchteten Hausflur ein Bild der Zerstörung.
00:12:35: Die hellen Fliesen des Eingangsbereichs sind bedeckt mit Splittern, Blut und Ruß.
00:12:39: Rechts im Eingang liegt noch Jackies Schulranzen.
00:12:42: Mit seinen auffälligen Pink- und Rosartönen wirkt er in der düsteren Kulisse völlig deplatziert.
00:12:47: Wo einst der Briefkasten von Jackies Familie hing, klafft nun ein verkohltes Loch in der Wand.
00:12:52: Die Fächer links und rechts daneben sind deformiert und verbogen.
00:12:56: Für die Polizei ist klar, es besteht ein Zusammenhang zwischen dem gefährlichen Dosenfund und der Detonation im Hausflur.
00:13:02: Der verwüstete Flur ist daher nicht nur Schauplatz einer Explosion, er ist auch ein Tatort.
00:13:08: Doch wer ist dafür verantwortlich?
00:13:10: Um in dem Chaos keine Hinweise zu übersehen, geht die Spurensicherung mit großer Sorgfalt vor.
00:13:15: Die Kriminaltechniker-Innen teilen den Flur in Raster ein, Stück für Stück und in akribischer Kleinstarbeit sichern sie jedes noch so kleine Detail.
00:13:24: Splitter, Schnipsel, Drähte.
00:13:26: Wie ein Mosaik werden die Fundstücke zusammengesetzt.
00:13:29: Das Ergebnis bringt eine beunruhigende Gewissheit hervor.
00:13:32: Jackie wurde Opfer einer Briefbombe.
00:13:35: Als sie nach der mutmaßlichen Weihnachtspostgriff löste sie eine selbstgebastete Sprengvorrichtung aus, die offenbar zuvor jemand im Briefkasten der Familie platziert hatte.
00:13:45: Doch wer wollte einer Schülerin so etwas antun?
00:13:47: Die Kriminalpolizei hofft, dass Juggies Eltern Svenja und Thomas ihr bei diesen Fragen behilflich sein können.
00:13:54: Das Paar, das erst vor wenigen Wochen geheiratet hat, ist mittlerweile im Krankenhaus eingetroffen.
00:13:59: Verzweifelt sitzen sie im Wartepereich und bangen um das Leben ihrer Ältesten.
00:14:03: Und neben ihnen im Wartezimmer, aber auch im Eingangsbereich und auf den Gängen der Intensivstationen sind uniformierte Beamten innen platziert.
00:14:10: Denn die Ermittlungen sind sich sicher, jemand hat es auf Juggies Familie abgesehen, vor dem sie jetzt beschützt werden müssen.
00:14:16: Und als die Mordkommission Svenja und Thomas fragt, ob ihn jemand in den Kopf kommt, nickt Mutter Svenja.
00:14:22: Sie weiß, dass es jemanden gibt, der der Familie etwas Schlimmes antun will, dessen Gedanken seit Wochen darum kreisen, ihnen Schaden zu zufügen.
00:14:30: Jemand, der vor einigen Monaten bei einem Telefonat mit ihr verkündet hat, mir geht es erst wieder gut, wenn ihr tot seid.
00:14:40: Mit ernstem Blick schaut der Mann auf dem Foto in die Kamera.
00:14:45: Seine dunklen Haare und braunen Augen sind nicht nur auf dem Bild zu sehen, sondern auch der Beschreibung des Verhandlungsfotos zu entnehmen.
00:14:51: Der thirty-jährige Oliver wird seit heute, einem Tag nach der Tat, offiziell als dringend tatverdächtig geführt und polizeilich gesucht.
00:14:59: Es ist Svenja Stiefbruder, Juckys Onkel.
00:15:03: Nachdem Svenja und Thomas ihren Verdacht ausgesprochen hatten, hatten die Einsatzkräfte des SEK noch am selben Abend Olivas Wohnung gestürmt.
00:15:10: Den Onkel des Mädchens fanden die Beamtinnen dabei zwar nicht vor, dafür aber jede Menge Gegenstände, die den Verdacht gegen Oliver erhärten.
00:15:17: Zündpillen und Polenböller zum Beispiel.
00:15:20: In Olivas Akte gibt es bisher noch keine Einträge wegen Gewaltverbrechen.
00:15:24: Polizeilich bekannt ist er trotzdem.
00:15:26: Sachbeschädigung, Diebstähle und Einbrüche sowie das Fahren ohne Fahrerlaubnis.
00:15:31: Etwa fünfzig solcher Delikte bescheren ihn bereits in jungen Jahren regelmäßige Besucher auf Polizeiwachen und vor Strafgerichten.
00:15:39: Mit Mitte zwanzig war Oliver bereits dreimal in Haft.
00:15:42: Mit dem Sprengstoffanschlag der Juckytraf sowie der Sprengstoffvorrichtung auf Thomas Autodach soll er nun eine weitere Hemmschwelle überschritten haben.
00:15:50: Durch den Verhandlungsaufruf kursiert sein Gesicht jetzt in ganz Deutschland.
00:15:54: Briefkastenbomber und Berliner Bombenleger wird er von der Boulevardpresse getauft.
00:15:59: Für die Berliner Polizei ist es der Beginn einer bundesweit angelegten Verhandlungsaktion, bei der nahezu kein zur Verfügung stehendes Mittel ausgelassen wird.
00:16:07: Such und Sprengstoffhunde kommen zum Einsatz und Telefonüberwachung.
00:16:12: Fast zwei Wochen lang greift das SEK immer wieder an möglichen Aufenthaltsorten von Oliver zu, doch ohne Erfolg.
00:16:17: Er ist wie vom Erdboden verschluckt.
00:16:20: Bis er sich wenige Tage nach dem Sprengstoffattentat zumindest online meldet.
00:16:25: In einer E-Mail an eine Berliner Zeitung bekennt er sich zum Briefbombenattentat, beschwert sich aber über die Darstellung seiner Person.
00:16:32: Verschiedene Medien mutmaßen die letzten Tage nämlich, Zitat, Neid und Hass tief aus der Kindheit stammt, machten ihn möglicherweise zum Bombenleger.
00:16:41: Und schreiben weiter, dass ihm eventuell das intakte Familienleben seiner Schwester missfiel.
00:16:46: Woher sie diese Informationen haben wollen, schreiben sie nicht.
00:16:49: Alles Quatsch will Oliver in seiner E-Mail klarstellen.
00:16:52: Er sei schon immer benachteiligt gewesen, aber vor allem sei es ihm darum gegangen, den Schmarotzsan, wie er sie nennt, eins auszuwischen.
00:17:00: Seine Stiefschwester und sein Schwager hätten sich Geld von der Oma geliehen und das nie zurückgezahlt.
00:17:05: Auch ihm würden sie noch Geld schulden.
00:17:07: Mit Neid und Hass hätte das alles aber nichts zu tun.
00:17:10: Trotz der Verachtung, die aus Olivers Zeilen spricht, zeigt er sich zumindest in einer Sache rollmütig.
00:17:15: Seine kleine Nichte macht er klar, habe er auf keinen Fall mit der Briefbombe treffen wollen.
00:17:20: Auf der Intensivstation liegen die Nerven von Svenja und Thomas auch am folgetag der Explosion noch blank.
00:17:25: Tochter Jacqui hat die Notoperation überstanden.
00:17:28: Über Stunden haben die Ärztinnen alles daran gesetzt, Jackeys gefährlichen Blutungsschock zu bekämpfen und die Metallsplitter aus ihrem Körper zu entfernen.
00:17:36: Das Stück einer Oberschenkewene soll zudem nun als neue Arterie ihres Abends dienen.
00:17:41: Außer Lebensgefahr ist Jackie jedoch nicht.
00:17:43: Sie wurde nach dem Eingriff in ein künstliches Koma versetzt.
00:17:46: Tag für Tag wachen Mutter Svenja und Papa Thomas an dem Krankenbett ihrer Tochter, unwissend, ob sie jemals wieder ihre neugierigen blauen Augen aufmachen wird.
00:17:55: Was sie dagegen ganz genau wissen, der Mann, der ihrer Familie offenbar böses will, ist weiterhin auf freiem Fuß.
00:18:02: Es ist Nikolaus Tag, zehntage nach der Detonation der Briefbombe, als Kommissar Zufall, der entscheidende Durchbruch gelingt.
00:18:10: Am Ostbahnhof in Friedrichshain fällt zwei Bundespolizisten an diesem Abend ein ominöser Mann auf, der im Bereich der Schließfächer umherschleicht.
00:18:18: Den BeamtInnen kommt der unbekannte merkwürdig vor.
00:18:20: Nicht nur die schwarze Langhabhörrücke, die er trägt, erweckt ihre Aufmerksamkeit, auch seine nervöse Art und sein fahriges Auftreten.
00:18:27: Die PolizistInnen bitten den Mann sich auszuweisen.
00:18:31: Ralf Dieringer steht auf dem Perso, den sie schnell als Pältschung erkennen.
00:18:35: Der Unbekannte gibt daraufhin seine wahre Identitätpreis.
00:18:38: Es ist neunzehn Uhr neunzehn, als bei Oliver die Handschellen klicken.
00:18:42: Und zugleich das erste Mal, dass die Berliner Polizei nach dem Anschlag wieder aufatmen kann.
00:18:47: Auch im Unfallkrankenhaus Marzahn macht sich Erleichterung breit.
00:18:50: Jackie ist wach und stabil.
00:18:52: Die Ärztinnen können nicht nur ihr Leben retten, sondern auch ihren Arm vor einer Amputation bewahren.
00:18:57: Jackie ist tapfer.
00:18:58: Sie wirkt in ihrem übergroßen blauen Nachthemd unter der weiß-grau gestreiften Decke noch kraftlos und mitgenommen.
00:19:04: Doch die zwölfjährige hat Biss und er weist dich als echte Kämpferin.
00:19:07: Ich kann auch schon wieder drei Finger bewegen, zeigt sie den Reporterin stolz bei einem Pressetermin im Krankenhaus.
00:19:13: Unter dem klobigen weißen Verband wirken ihre Finger besonders zart.
00:19:17: Dunkelblaue Metallstäbe fixieren den Arm, den Juckie trotz gesundheitlicher Fortschritte wohl nie wieder benutzen kann, wie vor der Explosion.
00:19:25: Juckie weiß, was passiert ist.
00:19:27: Im Fernsehen kam ein Beitrag über ihrem Fall und es wurde gesagt, dass ihr Onkel dafür verantwortlich ist.
00:19:32: Was Juckie in dieser Zeit tröstet, ist der große Zuspruch.
00:19:35: Auf der Fensterbank des Zimmers stehen zahlreiche Stofftiere aneinander gereit.
00:19:39: Neben den Plüschhunden, Hasen und Teddybären ist kaum noch Platz für weitere Geschenke.
00:19:44: Viele Mitschüler innen haben Juckie außerdem Briefe zukommen lassen.
00:19:47: Ohne dich ist irgendwie alles doof.
00:19:49: steht in munter Schrift auf einem der Papiere.
00:19:52: Du fehlst allen, sogar den Jungs.
00:19:54: Es entzahlen wir diese, die Juggie nach dem traumatischen Erlebnis wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
00:20:00: Neun Monate später.
00:20:02: Der Schwurgericht seil.
00:20:03: Siebenhundert wirkt trotz seiner großen Fenster von Düster.
00:20:06: Eine dunkle Holzverkleidung nimmt den Raum ein.
00:20:09: Ein Kronleuchter hängt erstaunlich tief von der Decke.
00:20:12: Am Berliner Langgericht beginnt an diesem, der Prozess gegen Oliver.
00:20:17: Zeirreiche Fotografinnen und Medien schaffende richten ihre Kameras auf den mittlerweile dreißigjährigen.
00:20:23: Die Anklage, die gegen ihn erhoben wurde, wiegt schwer.
00:20:26: Die Staatsanwaltschaft fürft Oliver unter anderem Form, sich mit der Platzierung der Briefbombe des versuchten Mordes an seiner Nichte schuldig gemacht zu haben.
00:20:33: Weder Jackie noch ihre Eltern Svenja und Thomas sind zum Prozessauftakt in Berlin Moabit erschienen.
00:20:38: Aber die Familie lässt sich juristisch vertreten, denn sie tritt im Verfahren die Nebenklage an.
00:20:43: Die folgenden sechzehn Verhandlungstage sollen nun über Schuld oder Unschuld von Oliver entscheiden.
00:20:48: Eine Frage treibt die Prozessteilnehmenden dabei besonders an.
00:20:52: Wo liegt der Ursprung des Hasses, der Oliver wie ein Motor anzutreiben schien?
00:20:56: Um darauf eine Antwort zu finden, wird Oliver's Kindheit vor Gericht umfassend beleuchtet.
00:21:00: Es ist der Lebensabschnitt eines Mannes, der hinter einer gutbürgerlichen Fassade ein Konstrukt aus Distanz und Zurückweisung zu Tage treten lässt.
00:21:09: Oliver ist drei Jahre alt, als er und seine kleine Schwester Sandra Teil einer Pflegefamilie werden.
00:21:14: Die Entschützophrinie erkrankte Mutter hatte die beiden verwahrlosen Kleinkinder allein in ihrer Wohnung zurückgelassen.
00:21:20: In einer Vorstadsiedlung finden Oliver und Sandra ein neues Zuhause und vergrößern die Familie eines Beamten und seiner Frau, in der schon die kaum älteren Adortivtöchter Svenja und Karolin leben.
00:21:30: Doch Oliver sieht sich innerhalb der Familie benachteiligt und hat das Gefühl, einer Zweiklassengesellschaft ausgesetzt zu sein.
00:21:37: Vor allem für Svenja scheinen andere Regeln zu gelten.
00:21:39: Sie hat als einziges der vier Kinder ein eigenes Zimmer, ein Pony und wird umfangreich und regelmäßig beschenkt.
00:21:46: Oliver dagegen führt sich ausgegrenzt und unerwünscht.
00:21:48: Eine Therapeute, in die Oliver als Kind besucht, schreibt in einem Abschlussbericht von von körperlichen und mentalen Züchtigungen.
00:21:56: Der Junge sei innerhalb der Familie in die Rolle des Sündenbox geraten.
00:22:00: Im Zeuginnenstand berichtet Olivas ehemalige Grundschullehrerin außerdem, dass sie sich auch noch heute an den Jungen mit der einsamen und traurigen Ausstrahlung erinnere.
00:22:09: Aus Sandra, Olivas einzige leibliche Schwester, bestätigt die Ungleichbehandlung.
00:22:14: Hört man dagegen die Aussagen der anderen Schwestern, könnte man meinen, dass sie in unterschiedlichen Haushalten groß geworden sind.
00:22:19: Karodin macht klar, dass, worunter Oliver glaubt, gelitten zu haben, sei Kleinkram gewesen.
00:22:25: Auch Jockeys Mutter Svenja ist dieser Ansicht.
00:22:27: Das Familienzusammenleben sei von Chaos, Witz und Normalität geprägt gewesen.
00:22:31: Eine Ungleichbehandlung habe es nicht gegeben.
00:22:34: Oliver ist es wichtig, vor Gericht sein Motiv für die Tat klarzumachen.
00:22:38: Denn für den dreidreißigjährigen ist es die Chance, dass endlich dem großen Unrecht Aufmerksamkeit geschenkt wird, dass ihm seine Ansicht nach wiederfahren ist.
00:22:46: Dem Thema, das zum Mittelpunkt seines Alltags geworden ist.
00:22:50: Oliver nimmt die Anwesenden mit zurück in das Jahr zwei Tausend Sieben, in dem sein Groll überhandnahm.
00:22:55: Im Herbst will sich Oliver damals ein Auto kaufen.
00:22:58: Seine Stiefschwester Svenja vermittelt ihm einen Kontakt.
00:23:01: Oliver schaut sich den Gebrauchtwagen nur oberflächlich an und kauft ihn für dreitausend Euro im Bar.
00:23:06: Allerdings bereut er den Kauf bereits nach wenigen Wochen.
00:23:09: Besonders ein Kratzer in der Windschutzscheibe ärgert ihn.
00:23:12: Oliver wendet sich erneut an den Kontakt von Svenja, doch der will ihm sein Geld nicht zurückgeben.
00:23:16: Oliver macht Svenja und Thomas dafür verantwortlich und ist sich sicher, dass die beiden von den Schäden gewusst haben.
00:23:23: Nachdem der Verkäufer auch nach mehrmaliger Aufforderung Oliver sein Geld nicht zurückgeben mag, droht er ihm.
00:23:28: Und das zieht.
00:23:30: Der Vorbesitzer erklärt sich einen Verstand, den Wagen zurückzunehmen, wenn Oliver ihm die gefahrenen Kilometer obendrauf zahlen würde.
00:23:36: Doch daraufhin meldet sich Oliver nicht mehr und verkauft den Wagen im August über Ebay mit zweitausend Euro Verlust.
00:23:43: Weihnachten im Jahr seven verbringt Oliver dann mit seinen drei Schwestern, damals alle Anfang dreißig, und zwar als Partner Thomas und den Kindern.
00:23:50: Als er am späten Abend in seine Neukönner Wohnung zurückkehrt, trifft ihn der Schlag.
00:23:55: Bei Oliver wurde eingebrochen.
00:23:56: Es fehlen Bohrmaschinen, Computer und andere elektronische Dinge.
00:24:00: Für den dreißigjährigen ist die Sache klar.
00:24:02: Svenja und sein Schwager Thomas stecken als Drahtzieher innen dahinter.
00:24:06: Er vermutet, dass sie jemanden beauftragt haben, ihn zu bestehlen, während er sehlen ruhig den Abend bei ihm verbrachte.
00:24:13: Trotz fehlender Beweise und Argumente, die seine These stützen, ist Oliver davon überzeugt, von Schwester und Schwager verraten worden zu sein.
00:24:22: Nachdem das Einbruchsthezane ab, damals die Ermittlung einstellt, nimmt seine Wut ein neues Ausmaß an.
00:24:28: Als er seine Schwester Svenja im Mai, im Mai, anlässlich ihres Geburtstags anruft, gratuliert er ihr zunächst, stellt danach aber klar, dass er findet, dass sie eine Schmarotzerin sei und sagt, es geht mir erst wieder gut, wenn ihr tot seid.
00:24:41: Der Vorsitzenden Richterin im Gerichtsaal berichtet Oliver abwertend.
00:24:45: Sie haben gesagt, dass sie mich lieben.
00:24:47: Lieben, da war alles klar, haben sich verplappert.
00:24:51: Eine wirre Aussage, auf die noch weitere Folgen werden.
00:24:55: Das Auftreten und die ausschweifenden Erzählungen von Oliver im Zeugenstand sorgen für viele metaphorische Fragezeichen in den Gesichtern der Anwesenden.
00:25:03: Manchmal wirkt er ruhig und konzentriert, manchmal verliert er sich im nächsten Moment in ausschweifenden Angaben, verschachteten Sätzen und würren Kommentaren.
00:25:11: Wo war ich gerade?
00:25:12: Unterbricht er sich manchmal selbst?
00:25:14: Der Faden seiner Erzählungen ist nicht annähernd so rot wie das kurzärmige Polo-Short, das er trägt.
00:25:20: Zwischendurch muss er lachen.
00:25:21: Wieso weiß niemand?
00:25:23: Doch der Mann auf der Anklagebank findet auch klare Worte im Hinblick auf das Tatgeschehen und das Ziel, das er verfolgte.
00:25:29: Jackie sei die Einzige aus der Familie, die er wirklich möge.
00:25:32: Deswegen habe er nie vorgehabt, seine Nichte zu verletzen oder gar zu töten.
00:25:37: Stattdessen räumt Oliver ein, es sei ihm um die Hände gegangen, die geklaut hätten, die Hände seines Schwagers Thomas und die von Svenja.
00:25:45: Deswegen begange er in spät Sommer mit dem ersten Bauen von Sprengen setzen.
00:25:49: Am frühen Morgen des sechsten Zwanzigste November, zwei Tausendacht, habe er sich daher gegen fünf Uhr dreißig durch die unverschlossene Tür in das Wohnhaus in Rudow begeben, die selbstgebastelte Briefbombe mit Klebeband im Inneren des Familienbriefkastens befestigt und die Sicherung in Form eines Kabelbinders gezogen, um sie scharfzustellen.
00:26:05: Anschließend habe er einen weiteren Sprengensatz in einer Konservendose auf dem Auto seine Schwagers platziert und sei sicher gegangen, dass dieser explodieren und Thomas Schwer verletzen würde, sobald er ihn anhebt.
00:26:16: Eine andere Möglichkeit, Svenja und Thomas einen wirksamen Denkzettel zu verpassen, habe er nicht gesehen.
00:26:21: Oliver spricht dabei von Aggressionshemmung, die es ihm unmöglich machen würden, den beiden einfach Zitat, die Hände abzuschneiden oder die Augen auszustechen.
00:26:32: Außerdem habe er mit dem Anschlag erneute Ermittlungen in der Einbruchssache auslösen wollen, provozieren wollen, dass sich die Polizei endlich mit seinem Unrecht beschäftigt.
00:26:41: Dem Plan zu töten, habe er nicht gehabt.
00:26:43: Er fügt aber hinzu, dass er es auch nicht schlimm gefunden hätte, wenn seine Stiefschwester und sein Schwager gestorben wären.
00:26:48: Er tippt sich an die Stirn, als er der Vorsitzenden Richterin erklärt, ich tat es, wie man einen Hund in Richtung seiner Scheiße zieht, um zu erziehen.
00:26:58: Ich kann nicht
00:26:58: mehr.
00:26:59: Das ist zu schön.
00:27:01: Nein, das macht man auch nicht.
00:27:03: Das macht man nicht.
00:27:04: Das Oliver so sehr nach Vergeltung für sein angebliches Unrecht strebt, hängt vor allem mit seiner psychischen Verfassung zusammen.
00:27:11: Laut dem psychiatrischen Gutachter habe Oliver eine ausgeprägte Paranoide und das soziale Persönlichkeitsstörung.
00:27:17: Er sei undiszipliniert im Denken, extrem nachtragend und nahe dazu erlebtes zu verdrehen und an vorschnellen Deutungen festzuhalten, ohne ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.
00:27:27: Zwänge, die einer Schuldfähigkeit entgegenstehen könnten, seien jedoch nicht erkennbar.
00:27:31: Der Psychiater ist sich sicher, Oliver ist planer statt wahrenhaft bei der Tat vorgegangen und sein Wunsch nach Abstrafung ein rationales Motiv.
00:27:39: Der Gutachter hält fest, Oliver ist voll schuldfähig.
00:27:43: Jackie kriegt von all dem nichts mit.
00:27:44: Das Gericht hat sich dazu entschieden, dass die Schülere nicht aussagen muss.
00:27:48: Nicht ein einziges Mal wird sie den Saal des Landgerichts betreten, in dem ihr Name derzeit täglich mehrmals fällt.
00:27:55: Stattdessen kümmert sie sich darum, wieder gesund und glücklich zu werden.
00:27:58: Noch während der Prozess gegen ihren Onkel läuft, macht Jacqui eine Delfintherapie auf der karibischen Insel Kurasau.
00:28:05: Der Kontakt mit den Tieren schenkt ihr wieder Freude und die mentale Kraft, die sie gebrauchen kann.
00:28:10: Denn Jacqui hat nach wie vor mit den Folgen der Sprengstoffexposition zu kämpfen.
00:28:13: Immer wieder hat sie Albträume und Probleme durchzuschlafen.
00:28:17: Ein weißer Verband schützt weiterhin ihren vernahten rechten Arm.
00:28:20: Jocky reagiert sensibel und schmerzempfindlich auf Temperaturextreme wie Kälte und Hitze.
00:28:25: Ihrer Hand wird sie vermutlich nie wieder richtig bewegen können.
00:28:28: Doch das Geschehen möchte sie so gut wie möglich hinter sich lassen.
00:28:32: Und so sind weder sie noch ihre Eltern am twenty-zw.
00:28:34: Januar, zwei Tausendzehn anwesend, als am Berliner Landgericht das Urteil fällt.
00:28:38: Oliver wird wegen des versuchten Mordes und Harteinheit mit Herbeiführung einer Sprengstoff-Explosion, gefährlicher Körperverletzung und des unerlaubten Umgangs mit explosionsgefährlichen Stoffen, schuldig gesprochen.
00:28:49: Das Gericht ist davon überzeugt, dass Oliver mit dem Sprengstoffattentat, das seine Nichte traf, seine Stiefschwester Svenja und sein Schwager Thomas in Selbstjustiz abstrafen wollte und damit zumindest mit bedingtem Tötungsvorsatz handelte.
00:29:02: Als technisch versierter Mensch habe Oliver um die tödlichen Folgen seines Handelns gewusst und sie belegend in Kauf genommen.
00:29:08: Wegen der außerordentlichen Schwere und Gefährlichkeit des Versuchs, den Jackie nur aufgrund glücklicher Umstände überlebte, lautet die verhängte Haftstrafe lebenslang.
00:29:17: Dem Ausgang des Strafprozesses stimmen auch die Richterinnen Karlsruhe zu.
00:29:21: Die eingelegte Revision von Olivers Verteidigung wird vom Bundesgerichtshof verworfen, wodurch das Urteil rechtskräftig wird.
00:29:27: Für Jackys Eltern Svenja und Thomas bringt das Urteil ein Stück Gerechtigkeit.
00:29:31: Die Familie muss nun nicht mehr um ihre Sicherheit fürchten.
00:29:34: mag sein, dass der Anschlag Jackie ihren Arm, aber hoffentlich nicht ihre kindliche Leichtigkeit beeinträchtigt hat.
00:29:40: Denn die dichten Narben werden sie wohl ein Leben lang daran erinnern, dass es in ihrer Familie nicht nur Liebe und Zusammenhalt gab, sondern auch Hass und Kroll.
00:29:49: Also, ich finde das immer wirklich schlimm, wenn jemand so Gedanken hat wie Oliver.
00:29:53: Also, ich habe auch nur darauf gewartet, dass du sagst, dass der eine paranoide Störung hat.
00:29:59: Weil sowas ist ja nicht gesund, immer zu glauben, dass du verarscht wirst oder hintergangen wirst und das ja auch noch von deiner eigenen Familie.
00:30:06: Aber ich hätte jetzt schon gedacht, dass der dann vielleicht eine verminderte Strafe bekommt.
00:30:12: Ja, also der Sachverständige hat eben deutlich gesagt, dass die Ausprägung bei ihm nicht wahrenhaft ist und das bedeutet ja, dass er schon eine Chance gehabt hat, anders zu handeln.
00:30:22: Ja, ja und dann muss halt auch eine normale Strafe am Ende stehen.
00:30:26: Ja, wir haben ja bereits eine Folge über Paranoia gemacht.
00:30:29: Das war die siebenundsiebzig.
00:30:31: Und da haben wir ja gesehen, was für Auswirkungen diese Krankheit haben kann.
00:30:37: Sicher nicht in allen Fällen.
00:30:39: Aber wie gefährlich das werden kann, wenn Menschen der Überzeugung sind, andere Menschen wollen ihnen etwas Böses.
00:30:46: Und dass diese Menschen, die diese Ausprägung der Krankheit haben, dann halt nicht nur eine Gefahr für sich selbst werden können, sondern halt auch für andere.
00:30:53: Und was mir aber ganz am Anfang... deiner Geschichte schon aufgefallen ist.
00:30:57: Gut, ich wusste ja, hier kommt ein Verbrechende.
00:31:01: Aber
00:31:01: wie
00:31:02: kann man, wenn man auf seinem Autodach eine Dose mit Kabeln findet, wie kann man diese Dose in sein Kofferraum packen?
00:31:11: Also auch wenn man jetzt gedacht hätte, es ist nur Müll, was er ja auch ein bisschen irgendwie in Erwägung gezogen hatte, aber er hat ja schon was vermutet, sonst wäre er ja nicht zur Polizei später gegangen.
00:31:22: Wie kann man das... nicht wegschmeißen, also oder weit weg von sich tun, sondern dann den ganzen Tag damit rumfahren durch Berlin.
00:31:30: Ja, wobei ich mein, ich finde es ja auch nicht schlecht, dass er es nicht irgendwo hingestellt hat, wo es dann noch jemand anders am besten in die Finger gekriegt hätte.
00:31:39: Aber ja, also die Familie hat einfach, muss man auch so sagen, wirklich Schwein gehabt.
00:31:45: Der hat zwei Sprengstoffvorsätze deponiert und Keiner ist ins Leben gekommen, obwohl beide Vorrichtungen die Wirkkraft dazu gehabt hätten.
00:31:54: Naja, also am Ende hat das Berliner Landgericht Oliver ja unter anderem wegen versuchten Mordes zu einer lebensdanken Freiheitsstrafe verurteilt, weil das Gericht auch tatsächlich bei der Tat die Heimtücke als erfüllt ansa.
00:32:06: Weil Jackie ja eben wegen des Umschlags überhaupt nicht damit gerechnet hat, dass da jetzt irgendwie ihr was gefährlich werden könnte.
00:32:13: Und Oliver hat sich aber eben auch wegen Mordes mit einem gemeingefährlichen Mittel schuldig gemacht.
00:32:18: Warum das so ist und was dieses Mordmerk mal kennzeichnet, darum geht es jetzt in meinem Aha.
00:32:24: In der Regel benutzt man diesen Begriff, also irgendwas ist ja gemeingefährlich oder so.
00:32:29: im Sprachgebrauch, wenn irgendetwas besonders gefährlich ist und eben auch viele Personen gleichzeitig gefährden kann.
00:32:35: Und das beschreibt das Mordmerkmal tatsächlich auch schon ganz gut, also zumindest ein Stück weit, weil laut Definition ist ein Tatmütter dann als gemeingefährlich anzusehen, wenn es in einer konkreten Situation dazu geeignet ist, eine Vielzahl von Menschen an Leib und Leben zu gefährden.
00:32:52: Und zwar, weil der Täter oder die Täterin die Ausdehnung der Gefahr nicht in der Hand hat.
00:32:58: Also das heißt, es gibt hier zwei Dinge, die wichtig sind und zwar einmal die fehlende Kontrolle.
00:33:03: und die Gefahr für mehrere Personen, die sich dann daraus ergibt aus dieser fehlenden Kontrolle.
00:33:09: Und beide Faktoren waren jetzt in diesem Fall von der Briefbombe ja gegeben, also bei Sprengstoffen und auch bei Feuer sagt der BGH nämlich, dass diese Mittel schon wegen ihrer Eigenart in den meisten Fällen nicht kontrollierbar sind.
00:33:21: Und dann kommt noch dazu, also das Landgericht hat festgestellt, dass Oliver, nachdem er die Briefbombe da deponiert hat, sich halt dann verzogen hat, Und nichts unternommen hat, um diese Gefahr für andere einzugrenzen oder irgendwie zu kontrollieren.
00:33:36: Der hat es da reingesteckt und dann war er weg und deswegen hätte es ja jeden treffen können, der irgendwie in diesem Hausflur war und irgendwie an diesem Briefkästen rumwackelt oder den Brief rauszieht.
00:33:47: Und es war ja tatsächlich auch so, eigentlich hätte Jackie gar nicht getroffen werden sollen und es war dem Zufall geschuldet, dass sie den Briefumschlag gezogen hat und aber auch, dass dich nicht noch andere Leute im Eingangsbereich befunden haben.
00:33:58: Ja, und wie gefährlich diese Briefbombe für andere Menschen noch hätte sein können, zeigt sich ja auch daran, dass das da komplett alles explodiert ist und dann die anderen Kästen auch verbogen waren und so.
00:34:11: Und das war jetzt ja nicht so ein gezieltes Detonieren, nur in so einem kleinen Bereich, der jetzt den Brief... Kasten dieser Familie betroffen hat.
00:34:19: Ja, genau.
00:34:20: Und unter anderem hat das Gericht eben auch deswegen entschieden, das war ein gemeingefährliches Mittel.
00:34:26: weil unkontrollierbar und potentiell tödlich für mehrere Menschen.
00:34:30: Wie eben schon gesagt, das kann man bei Sprengsätzen und auch bei Feuer annehmen.
00:34:33: Das sind aber nicht die einzigen Mittel, die in Frage kommen, gemeingefährlich zu sein.
00:34:37: Also es könnten auch Schusswaffen sein.
00:34:39: Bei denen ist es allerdings ein bisschen tricky, da kommt es darauf an.
00:34:42: Bei einem gezielten Schuss mit einer Pistole auf eine Person verneint die Rechtsprechung das Mordmerkmal, nämlich selbst wenn die Person Teil einer Menschenmenge ist, weil man sagt, dass damit angeblich keine Gefahr für eine Vielzahl von Menschen besteht.
00:34:55: Anders wiederum ist das bei Maschinenpistolen oder Gewerren, die gelten halt juristisch als deutlich weniger kontrollierbar.
00:35:01: Und wenn damit jemand jetzt in den Bereich schießt, in dem sich viele Menschen aufhalten oder in eine Menge, dann können solche Waffen natürlich auch ein gemeingefährliches Mittel sein.
00:35:10: Okay, also wir haben Feuer, Sprengstoffe bzw.
00:35:13: Bomben und Maschinenwaffen.
00:35:15: Genau.
00:35:16: Und dann können noch Dinge gemeingefährlich sein.
00:35:20: die
00:35:20: Teil unseres Alltags sind, aber jetzt nicht in erster Linie als krasse Gefahr einzustufen, sondern nämlich zum Beispiel das Auto.
00:35:28: Und ein Fall aus dem Jahr zwei Tausend zwei zeigt das ganz gut, da hat ein Mann nach einem Streit seiner Frau und scheinbar einigen Getränken zu viel Intus, also mit zwei Komma zwei Prumille hat er sich in den Sportwagen gesetzt und ist dann mit quitschenden Reifen durch die Düsseldorfer Innenstadt gerast, auch über Bordsteine und über die Außenterrasse von Straßencafés, die zu der Zeit besucht waren und dabei hatte zehn Menschen verletzt und in diesem Fall ist das Düsseldorfer Landgericht dann von versuchtem Mord ausgegangen und hat das Auto als gemeingefährliches Mittel bejaht, bei dem Täter das überhaupt nicht möglich war, das Auto zu kontrollieren und damit auch nicht zu kontrollieren, welche und wie viele Menschen mit dieser Aktion verletzt werden oder sogar getötet werden.
00:36:09: Ein Auto spielt auch in meinem Fall eine Rolle, allerdings nicht als Tatmittel.
00:36:14: Alle Namen habe ich geändert.
00:36:18: Wir alle fühlen mit Ihnen.
00:36:20: Es sind ungewöhnlich persönliche Worte, die der Vorsitzende Richter an diesem zwanzigsten Mai, in seiner Urteilsbegründung ausspricht.
00:36:28: Valentin, der Mann, dem sie gelten, blickt mit gefasster Mine nach vorn.
00:36:33: Graue Stränen durchziehen sein dichtes schwarzes Haar.
00:36:36: Sein Blick ist ausdruckslos bei einer Starr.
00:36:39: Während er den Worten des Richters lauscht, vermeidet er es, der Person ins Gesicht zu blicken, die ihm gegenüber auf der Anklagebank sitzt.
00:36:46: Die Person, die seine Familie in Idylle zerstörte und wegen der es nun nie wieder so sein wird wie früher.
00:36:53: Mit dem Ende des heutigen Tages erhofft sich der thirty- jährige Valentin einen Schlussstrich ziehen zu können.
00:36:59: Vielleicht keinen richtigen, aber zumindest eine dünne blasse Linie, um das Erlebte ein Stück weit hinter sich zu lassen.
00:37:05: Ganz wird Valentin die schrecklichen Szenen, die sich vor rund einem Jahr in seinem Auto abspielten, aber nie loswerden.
00:37:12: Rückblick Der Zeiger auf dem Tacho zeigt etwa hundertdreißig KmH.
00:37:17: Im gleichmäßigen zügigen Tempo fährt der silberfarbene Dreier BMW die rechte Fahrspur der A-Nunzwanzig entlang.
00:37:24: Dass auf der Autobahn zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg an diesem Abend kaum Verkehr herrscht, hängt wohl auch mit den aktuellen Feiertagen zusammen.
00:37:32: Doch nicht nur auf den Straßen, auch um besagten Wagen geht es an diesem Ostersonntag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag-Sondag relativ ruhig zu.
00:37:39: Nach dem Valentin und Marscha mit ihren zwei Kindern ein schönes Wochenende bei Marschas bester Freundin In Wilhelmshaven verbracht haben, gilt es nun, die rund zweihundert Kilometer Fahrt nach NRW zu bewältigen, zurück ins heimische Telkte.
00:37:52: Bei dem neunjährigen Janik und seiner zweijahre jüngeren Schwester Lara hat sich bereits die Müdigkeit eingestellt.
00:37:58: nahezu schweigsam sitzen wie in ihren karierten Kindersitzen auf der Rückbank.
00:38:01: Während Valentin am Steuerkonzentriert auf die dunkle Fahrbahn vor ihm blickt, ist Mascha auf dem Beifahrersitz mit Telefonieren beschäftigt.
00:38:09: Ihrem Schwager hat die drein- reißigjährige bereits frohe Ostern gewünscht, nun gilt ihre Aufmerksamkeit ihrer Tante.
00:38:15: Fröhlich berichtet Mascha vom gelungenen Familienkurs Urlaub an der Nordsee.
00:38:20: Anschließend tauscht man sich darüber aus, wer denn alles beim morgigen Geburtstagsfrühstück der Kusine anwesend sein wird.
00:38:26: Ausgelassen plappert Mascha ins Handy, wie Valentin es von ihr nur zu gut kennt.
00:38:31: dass seine Frau deutlich offener und kommunikativer ist als er.
00:38:34: Das steht für ihn aus der Frage.
00:38:35: Ein Problem hat er damit nicht.
00:38:37: Im Gegenteil, es sind Eigenschaften wie diese, die Valentin an der Mutter seiner Kinder liebt.
00:38:42: Das Paar, das seit elf Jahren verheiratet ist, ergänzt sich im gemeinsamen Familienleben perfekt.
00:38:47: Sie ist das Energiebündel, er der Ruhepul.
00:38:51: Sowohl Valentin als auch Mascha stammengebürtig aus Kasachstan.
00:38:54: Während Valentin die Sowjetunion bereits vor ihrem Zerfall verlässt, kommt Mascha in der Bundesrepublik.
00:39:02: An das erste Kennenlernen kann sich Valentin noch gut erinnern.
00:39:05: Am zwanzigsten Oktober beignet er Mascha auf der Feier eines Freundes.
00:39:10: Sofort ist er von ihr angetan, der hübschen, jungen Frau mit den braunen Haaren, den wachen Augen und dem offenen Gesicht.
00:39:17: Und die Begeisterung scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen.
00:39:20: Bereits fünf Tage später ist Valentin zu Besuch bei Masha's Eltern.
00:39:24: Das ist er, hört er Masha sagen, die dabei nicht den Eindruck macht, offen für Kritik zu sein.
00:39:30: Von diesem Zeitpunkt an ist das Paar unzertrennlich.
00:39:33: Gemeinsam können sie sich eine Zukunft vorstellen.
00:39:35: Eine Zukunft als Ehleute, als Familie.
00:39:39: Valentin erfährt von Masha's großen und kleinen Lebensträumen.
00:39:41: Ein kleines Haus mit Garten zum Beispiel oder irgendwann einmal nach Kanada zu reisen.
00:39:47: Und so sind die Hochzeit und die Geburten der zwei gemeinsamen Kinder nur die ersten Meilensteine von vielen, die noch folgen sollen.
00:39:53: Noch in diesem Sommer möchten die zwei nach Kasachstan reisen, um die Kinder mit den Wurzeln ihrer Eltern vertraut zu machen.
00:39:59: Doch einen Urlaub zu viert wird es nach diesem Wochenende nicht mehr geben.
00:40:04: Es ist mittlerweile fast zwanzig Uhr.
00:40:06: Die Familie befindet sich seit etwa einer halben Stunde auf dem Heimweg, als es bei Kilometer zweiundvierzig in Oldenburg passiert.
00:40:13: Wenige Minuten nach dem Marscher das Telefonat beendet hat, zerstört ein ohrenbetäubender Knall die Ruhe im Auto.
00:40:20: Die Kinder schreien auf, Glasplitter der zersprungenen Frontscheibe fliegen in sämtliche Richtungen und rauben Wallentine die Sicht.
00:40:27: Trotz des Schocks kann er bremsen und das Auto im Gleichgewicht halten.
00:40:31: Das Ausmaß der Katastrophe im dunklen Auto, noch nicht ahnend, richtet der Familienvater sich an seine Kinder auf der Rückbank.
00:40:37: Alles okay, ruft er.
00:40:38: Alles okay, antworten sie, Angst erfüllt.
00:40:41: Als nächstes wendet er sich an seine Frau.
00:40:43: Mascha alles okay?
00:40:45: Auf dem Beifahrersitz bleibt es still.
00:40:47: Und auch eine wiederholte Nachfrage bleibt unbeantwortet.
00:40:50: Oh
00:40:50: Gott.
00:40:51: Valentin bekommt Panik.
00:40:53: Warum antwortet seine Frau ihm nicht?
00:40:55: Er weiß nur eins.
00:40:56: Er muss das Auto sicher zum Stehen bringen, was ihm auch nach etwa zweieinhalb Metern auf den Seitenstreifen gelingt.
00:41:01: Valentin drückt Geistesgegenwärtig auf den Knopf für die Warnblinkanlage und öffnet dann die Fahrradtür.
00:41:06: Dabei wird die Innenbeleuchtung im Auto aktiviert und bringt Wortwirt Licht ins Dunkel.
00:41:11: Mascha sitzt leblos auf dem Beifahrersitz, ihr Kopf hängt schlafen nach unten und auf ihrem Schorus thront ein großer, blutverschmitter Holzklotz, der aussieht wie ein Baumstamm.
00:41:22: Beim Versuch, Maschas Puls zu füllen, sieht Valentin die schwere Verletzung an ihrem Hals.
00:41:27: Sofort steigt er aus, um an die Beifahrer-Tür zu gelangen.
00:41:30: Dabei nimmt er sein Handy zur Hand und wählt den Notruf, um sich anschließend wieder Mascha zuzuwenden.
00:41:35: Mund-zu-Mund-Beatmung, Herzdruckmassage.
00:41:38: Inmitten der Dunkelheit auf der A-Nunzwanzig lässt Valentin in den nächsten Minuten nichts unversucht, die Mutter seiner Kinder zurück ins Leben zu holen.
00:41:45: Der neunjährige Janik, der bis eben noch hinter seiner Mutter saß, hat sich mittlerweile abgeschnallt, um näher an sie heranzurücken.
00:41:51: Mama, Mama, schluchzt er ihr Weihend ins Ohr.
00:41:54: Dann spricht seine Schwester mit kindlicher Direktheit aus, was niemand wahrhaben möchte.
00:41:59: Ist Mama jetzt tot?
00:42:01: Bitte seid still, flädt Valentin.
00:42:03: Ich muss selber mal doch helfen.
00:42:04: Ich muss hören, ob ihr Herz noch klopft.
00:42:06: Boah, ich glaub das nicht.
00:42:09: Was Valentin seinem Kind dann in diesem Moment verschweigt.
00:42:12: In Marshals Brust ist es Sturm.
00:42:14: Ein Klopfen kann er nicht vernehmen.
00:42:16: Der thirty-sech-jährige schaut sich um.
00:42:19: Zum ersten Mal an diesem Abend nimmt er in der Dunkelheit die Autobahnbrücke hinter sich wahr.
00:42:23: Eine Person kann Valentin in rund acht Metern Höhe nicht erblicken.
00:42:27: Die Gleichung, die er gedanklich aufstellt, ist aber simpel und düster zugleich.
00:42:32: Holzklotz, Brücke, vorbei.
00:42:35: Auf einer Liege befördern die Rettungskräfte, die wenige Minuten nach Valentins Anruf eintreffen, mascher in einen Krankenwagen.
00:42:41: Valentin und die Kinder dürfen währenddessen nicht zu ihr.
00:42:44: Lediglich durch eines der Fenster des Rettungswagens kann Valentin das Geschehen im Inneren verfolgen.
00:42:49: Sehen, wie wiederholt Elektroschocks auf den Körper seiner Frau einwirken.
00:42:54: Nach vielen langen Minuten, die sich wie Stunden anfühlen, war ich die anfängliche Hektik dann dem Stillstand.
00:43:00: Es ist der Moment, in dem Valentin weiß, Mascha hat es nicht geschafft.
00:43:06: Das Entsetzen über den Tod einer Frau auf der A-IX ist deutschlandweit groß.
00:43:11: Wie ein mediales Lauffeuer verbreitet sich die schockierende Nachricht über die Mutter, die vor den Augen ihrer Kinder starb.
00:43:17: Durch einen Holzklotz, der einen dramatischen Unfall ausgelöst hat, für dessen Ursache es keine andere Erklärung gibt, als dass jemand den Klotz von der Brücke geworfen hat.
00:43:26: Doch nicht nur das.
00:43:27: Die Tat sorgt auch für Angst und Sorge bei Autofahrerinnen.
00:43:30: Denn es ist offensichtlich, dem tödlichen Holztürzwurf hätte jeder zum Opfer fallen können.
00:43:38: Um das Verbrechen so schnell wie möglich aufzuklären, nimmt die Soko Brücke noch am Ostermontag die Ermittlungen auf.
00:43:44: Zwar sind die Polizistinnen mit dem sechs Kilogramm schweren und vierundzwanzig Zentimeter hohen Holzglotz schon im Besitz der Tatwaffe.
00:43:51: Sie haben jedoch weder Kenntnis über die Herkunft des Geschosses noch über die Identität der Person, die sie zur tödlichen Waffe machte.
00:43:58: Die Polizei entschließt sich daher die Öffentlichkeit, um Mithilfe zu bitten.
00:44:01: Und tatsächlich gehen in den nächsten Tagen hunderte Hinweise zu Personensichtungen auf der Brücke ein.
00:44:08: Währenddessen versucht Valentin das Erlebte zu begreifen.
00:44:11: Nach Marshals Tod ist er mit seinen Kindern kurzzeitig bei Verwandten untergekommen, wo sie von Seelsorgerinnen betreut werden.
00:44:17: Mit dem Verlust gehen alle unterschiedlich um.
00:44:19: Die sie mirige Lara hat großen Redebedarf.
00:44:22: Täglich spricht sie Valentin auf ihre Mama an.
00:44:25: Janek möchte zwar auch über seine Mutter sprechen, über das, was passiert ist, aber auf keinen Fall.
00:44:30: Als eine kleine Schwester ihn einmal beiläufig fragt, ob er auch wolle, dass die Polizei herausfindet, wer dafür verantwortlich ist, schreit der neunjährige sie an, nass mich in Ruhe.
00:44:40: Kurze Zeit später nehmen die drei nochmal ganz offiziell Abschied.
00:44:43: Rund vierhundert Menschen sind gekommen, um ihn beizustehen.
00:44:46: Nach und nach treten sie an den offenen Sarg, in dem die dreien dreißigjährige liegt, gekleidet, in dem schwarzen Rock und dem goldenen Blazer, den sie so liebte.
00:44:55: Darunter kaschiert ein weißer Rollkragenpullover den zertrömerten Brustkorb.
00:44:59: Auch von dem Schädelbruch und der gerissenen Halsschlagader, die Mascha durch den Aufprallelit, ist nichts zu erkennen.
00:45:06: Im Hintergrund ist leise die Filmmusik von Titanic zu hören, als Valentin Mascha ein letztes Mal ins Gesicht blickt.
00:45:12: Mascha, die Filmschnulzen und Karaoke liebte, die ihn morgens schon fragte, was er abends essen wollte und die erst vor wenigen Monaten eine Brustkrebserkrankung überwunden hatte.
00:45:22: Als Janik und Lara an der Reihe sind, legen sie selbstgeschriebene Briefe zu ihrer Mutter in den Sarg.
00:45:27: Es sind ihre letzten persönlichen Worte an sie.
00:45:29: Und während Janik seine kleine Hand auf die seiner Mama legt, cool an ihm dicke Tränen über die Wangen.
00:45:36: Es ist Samstag der erste April und damit neun Tage nach dem Holzklotzmord, wie er von der Presse genannt wird, als es eine erste heiße Spur gibt.
00:45:44: Ab sofort fahrendet die Polizei nämlich nach einer Gruppe Jugendlicher.
00:45:48: Die vier bis fünf Unbekannten zwischen die sechsundzwanzig Jahren sollen sich nach Angaben mehrerer Autofahrerinnen zur Tatzeit auf der besagten Brücke aufgehalten haben.
00:45:56: Die Phantom-Bezeichnung, die jetzt überall an Tankstellen, Schulen und in Supermärkten aushängt, zeigt einen großen jungen Mann in Baggy Jeans und Baseball Cap.
00:46:04: Außerdem eine schlanke Frau mit Pferdeschwanz.
00:46:07: Die weiteren Personen auf dem Bild beschränken sich auf gräuliche Silhouetten.
00:46:11: Ob die Jugendlichen als potenzielle TäterInnen oder ZeugInnen gesucht werden, lassen die Ermittlenden offen.
00:46:17: Zwei Tage nach Veröffentlichung des Phantom-Bildes heißt es dann in der Presse, A-Nunzwanzig-Mord, Polizei erwegt Massengehentest.
00:46:25: Der Chef der Polizeiinspektion hatte im Interview erklärt, dass wenn Gen-Spuren am Holzklotz gefunden würden, man diese mit der Polizeidatenbank vergleichen würde und sollte das nichts ergeben, man über einen Massengentest nachdenken würde.
00:46:37: Bis dato hat man allerdings noch keine Spuren gefunden und es sieht auch nicht unbedingt danach aus, dass man noch welche finden wird.
00:46:44: Aber Sinn und Zweck dieser Ankündigung ist auch einfach den Druck, auf den oder die Täter in zu erhöhen und eine Reaktion hervorzurufen.
00:46:51: Und das funktioniert tatsächlich schon zwei Tage später.
00:46:55: Denn an diesem Tag erscheint ein Dreißigjähriger aus der Nähe von Oldenburg auf der Wache, der den Beamtinnen erzählt, er habe am Ostersonntag auf der Autobahnbrücke einen Holzklotz auf dem Radweg liegen sehen und diesen weggeräumt.
00:47:07: Deswegen sei es nun sehr wahrscheinlich, dass sich seine Fingerabdrücke darauf befinden würden.
00:47:12: Die Ermittlenden werden hellhörig und bitten den Hinweisgeber zwei Tage später nochmal zur offiziellen Zeugenvernehmung auf die Dienststelle zu kommen.
00:47:20: Am siebten April sitzt den Beamtenen dann ein Mann namens Yuri gegenüber, der optisch in jeglicher Hinsicht dem Wort unscheinbar entspricht.
00:47:28: Yuri hat dunkle, kurz geschnittene Haare, ist blass und einst neunundsechzig groß.
00:47:33: Er ist allein stehend, kinderlos, ein Einzelgänger.
00:47:36: Polizeilich ist Yuri kein Unbekannter.
00:47:38: Der dreißigjährige Deutsch-Kasache ist in den letzten Jahren vor allem wegen Betug, Diebstahl und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz in Erscheinung getreten.
00:47:47: Der negative Höhepunkt seiner kriminellen Karriere ist ein gemeinschaftlich Begang nach Raub.
00:47:51: Im Juli-Karriere steht Jury im Oldenburger Schlossgarten Schmierre, während Reimeteter einen Passanten gewaltsam zu Boden zwingen und ihm einen Fünfzig Euro Schein aus seinem Propmonier stehlen.
00:48:01: Der damals achtundzwanzigjährige wird zu einer achtzehnmonatigen Haftstrafe verurteilt.
00:48:06: Juri hat weder eine Ausbildung absolviert noch auf dem Arbeitsmarkt richtig Fuß gefasst.
00:48:10: Die einzige Konstante im Leben des Sozialhilfeempfängers ist pulverartig, weiß bis dunkelbraun und findet täglich mithilfe einer Spritze den Weg in seine Blutbahn.
00:48:19: Heroin ist seit rund zehn Jahren Omnipräsen in seinem Leben.
00:48:23: Und so spielt das Rauschgift auch eine wesentliche Rolle in dem, was Juri der Polizei nun berichtet.
00:48:29: Am Ostersonntag, dem Tag des Holzklotzwurfes, hätte er sich mit dem Fahrrad gegen Nachmittag in Richtung Oldenburg begeben, um seinen Dealer zu treffen.
00:48:37: Dabei hätte er auf der Autobahnbrücke, die auf seinem Weg lag, einen Holzklotz auf dem Radweg liegen sehen und ihn beiseite geräumt, damit niemand darüber fällt.
00:48:45: Gegen siebzehn und dreißig wäre dann zurück nach Hause, hätte sich einen Schuss gesetzt und seine Wohnung nicht mehr verlassen.
00:48:51: Klingt ja erst mal nett.
00:48:54: Ja, nette Geste von ihm.
00:48:58: Bereits während Yuri seine Geschichte erzählt, sind sich die Beamtinnen aber sicher, ihr stimmt was nicht.
00:49:04: Ein Abhängiger, der auf dem Weg zu seinem Dealer vom Fahrrad steigt, um für andere den Weg freizuräumen, statt den Gegenstand einfach zu umfahren.
00:49:11: Diese Volte der Inszenierung erscheint der Polizei tatsächlich so unrealistisch, dass Yuri kurze Zeit später als Beschuldigter vernommen wird.
00:49:19: Neue Ermittlungsergebnisse bringen seine Wegräumversion nämlich noch mehr ins Wanken.
00:49:23: Zeug ihnen geben an, dass am Nachmittag des Ostersonntags kein Holztlotz auf der Brücke lag.
00:49:29: Zusätzlich hat die Auswertung von Juris Handydaten ergeben, dass dieses rund dreißig Minuten nach der Tat im Bereich des Tatorts eingelockt war.
00:49:37: Jurie, der nach wie vor alle Schuld von sich weist, sagt in seiner zweiten Befragung, er könne sich diese Dinge nicht erklären.
00:49:44: Umso gesprächiger ist er ein paar Tage später, als eine Fernsehkamera von RTL auf ihn gerichtet wird.
00:49:50: Offiziell weiß niemand, dass Juri als Verdächtiger gilt, nur, dass er eben angibt, den Holzklotz aus dem Weg geräumt zu haben.
00:49:57: In dem fünfzehn-minütigen Gespräch mit einer Reporterin scheint er sich aber auch wenig Sorgen, um eine Verhaftung zu machen.
00:50:03: Warum haben sie den Holzklotz weggestellt, fragt die Journalisten als Erstes.
00:50:07: Juri erklärt das, was er bereits der Polizei gegenüber erzählt hat.
00:50:10: Er habe ihm gewollt, dass niemand dadurch gestört wird.
00:50:13: Dann wird es ernster.
00:50:15: Was denken Sie selbst über den Täter?
00:50:17: Was ist das für ein Mensch?
00:50:19: Puh, weiß ich nicht, antwortet Yuri mit leicht gehobenen Schultern.
00:50:23: Warum macht man so was?
00:50:25: Dann ein nervöses Lachen.
00:50:26: Spaß, ne?
00:50:27: Vielleicht.
00:50:28: Spaß, ja, Spaß.
00:50:30: Und dann sagt er, die wollten vielleicht gucken, wie der Unfall passiert und haben aber nicht damit gerechnet, dass jemand stirbt.
00:50:36: Denke ich, weiß ich nicht, sagt er noch dazu.
00:50:40: Die Reporterin schlägt ihrem Interviewpartner dann vor, einen Appell an den Täter zu richten.
00:50:44: Vielleicht, so sagt sie, würde dieser sich dann stellen.
00:50:47: der offenbar immer nervöser werdende Jury verneint.
00:50:50: Wenn einer so etwas gemacht hat, ist er sich sicher, der kommt nicht freiwillig, weil er droht fünfzehn Jahre Gefängnis, wenn sie dich erwischen.
00:50:57: und wer will freiwillig ins Gefängnis.
00:51:00: Freiwillig wohl niemand, doch Jury droht genau das jetzt.
00:51:03: Denn hinter seinem Wohnhaus hat man mehrere Pappelholzstücke gefunden, hölzerne Brocken, die der Tatwaffe sehr ähneln und die sich im Garten des Verdächtigen stapeln.
00:51:14: Auf der Wache angekommen, soll Jury also noch einmal vernommen werden.
00:51:17: Die Sokobrücke will jetzt ein Geständnis.
00:51:20: Bevor es mit den Fragen losgeht, bescheinigt der hinzugezogene Polizeiarzt Jury wegen seiner Drogenabhängigkeit eine zeitlich beschränkte Vernehmungsfähigkeit.
00:51:28: Etwa vier Stunden könnten die Beamtinnen mit ihm sprechen, bevor mögliche Entzugserscheinungen bei ihm einsetzen.
00:51:34: Während ein Polizist den Mediziner nach der Untersuchung zum Ausgang begleitet, führt ein anderer Jury in den Innenhof.
00:51:40: Er darf noch eine Zigarette rauchen, bevor die Vernehmung beginnt.
00:51:43: Zwischen zwei langen Zügen, sagt Juri, dann, dass er nicht fünfzehn Jahre ins Gefängnis wolle.
00:51:48: Auf keinen Fall.
00:51:49: Der Ermittler wird hellhörig, versucht aber locker zu bleiben und erzählt Juri von anderen Vernehmungen mit Beschuldigten.
00:51:56: Die Unterhaltung zwischen den Beinen bleibt oberflächlich, bis Juri plötzlich etwas sehr Konkretes sagt.
00:52:00: Er habe den Holz trotz von der Brücke geworfen.
00:52:03: Warum, wisse er nicht.
00:52:06: Der Polizist ist überrascht.
00:52:07: Wer das hinbekommen habe, fragt er unvermittelt.
00:52:10: Juri antwortet auf meinem Gepäckträger.
00:52:13: Und aus dieser ersten Bemerkung wird in der offiziellen Vernehmung ein umfangreiches Geständnis, mit dem Jury, die insgesamt drei Beamtinnen, die ihm nun gegenüber sitzen, zurück an den Tartag führt.
00:52:25: Aus seiner täglichen Mission Stoff zu besorgen, leit sich Jury am Nachmittag des XXIII.
00:52:29: März unter einem Vorwand Geld von Bekannten.
00:52:32: Es ist die finanzielle Basis, die seinen nächsten Schuss sichern soll.
00:52:36: Wie so oft begibt er sich dafür auch am Ostersonntag von seinem Wohnort, in das nur wenige Kilometer entfernte Oldenburg.
00:52:42: Als langjähriger Konsument weiß Yuri genau, welche Orte und Person er dafür aufsuchen muss.
00:52:47: Doch an diesem Tag kommt ihm der Feiertag dazwischen, der es schwieriger als sonst macht, Nachschub zu besorgen.
00:52:53: Geld für Drogen, aber keine Möglichkeit, dieses auszugeben, ein ungewohntes Szenario für den Suchtkranken.
00:52:59: Als er zwischen nineteen und neunzehnund dreißig deshalb ohne Heroin nach Hause kommt, fasst er den Entschluss etwas von der Autobahnbrücke nach seiner Wohnung zu werfen.
00:53:07: Also greift er sich einen der Pappelholzstämme, die hinter seinem Haus liegen und fährt mit diesem auf dem Gepäcktrigger seines Fahrrads zur Brücke.
00:53:14: Einige Minuten beobachtet er den ruhigen Verkehr auf der Bundesautobahn, nimmt schließlich den Klotz und lässt ihn über das Geländer fallen, als sich ein Auto nähert.
00:53:23: Dass jemand dabei verletzt oder getötet werden könnte, habe er zwar für möglich gehalten, eigentlich aber nur die Sturzstange oder das Licht des heranfahrenen Autos treffen wollen.
00:53:33: Auf die Frage der Beamtinnen, wieso er das getan habe, reagiert Yuri beinahe ratlos.
00:53:38: Aus Frust und lässt es fast wie eine Frage klingen.
00:53:42: Die Nachricht von einem geständigen Täter im Holzglotzmord sorgt in Deutschland für Erleichterung und Entsetzen gleichermaßen.
00:53:48: Yuris Wohnhaus gleicht fort an einem journalistischen Hotspot.
00:53:51: Zahlreiche Medienvertreterinnen versammeln sich Tag für Tag, um den Kagen schlecht verputzten Bungalow abzulächten.
00:53:57: Sie alle wollen wissen, wie er gelebt hat, der Mann, der diesen hinterhältigen Anschlag verübte.
00:54:02: der ein Vater zum Witt war und zwei Kinder zu halbweisen machte.
00:54:07: Für Valentin gleich der Ermittlungsdurchbruch einem Wechselbad der Gefühle.
00:54:11: Nachdem er in den vergangenen Wochen versucht hat, irgendwie weiterzumachen und sogar bereits wieder arbeiten geht, sorgt die Tatsache, dass Mascha's Tod nun einer konkreten Person zuzuschreiben ist, für Klarheit.
00:54:21: Gleichzeitig führt sie Valentin aber auch die schrecklichen Bilder wieder vor Augen, die Bilder seiner weinenden Kinder, seiner leblosen Frau und des blutverschmierten Holzklotzes auf ihrem Schoß.
00:54:32: In den nächsten Monaten warbnet sich Valentin für den Prozess, in dem das Verbrechen an seiner Frau noch einmal ausführlich sitziert werden soll.
00:54:39: Am vierten November findet er sich dann schießt sich auf einem dunkelblauen, polster Stuhl vor einem hölzernen Tisch wieder, im Saal I des Oldenburger Landgerichts.
00:54:47: Als Interbliebener hat Valentin sich entschieden, als Nebenkläger aufzutreten.
00:54:51: Dem Familienvater ist bewusst, dass ihn diese Rolle Kraft kosten wird.
00:54:55: Doch er ist sich sicher, die Belastung wird sich lohnen und ihm helfen, das Geschehene zu verarbeiten.
00:55:01: Gekleidet im schwarzen Nadelstreifenanzug und weißem Hemd, wird der Mann, der Valentins Leben für immer verändert hat, an diesem Tag in Handschellen in den Gerichtssaal geführt.
00:55:10: Die dunklen Haare trägt er mittlerweile Raspel kurz, dein Blick ist zu Boden gesenkt, seine Lippen versiegelt.
00:55:16: So auch bei der Anklageschrift, die die Staatsanwaltschaft verließt und in der Jury vorgeworfen wird, sich mit dem Wurf des Holzklotzes von der Autobahnbrücke des Mordes sowie des dreifachen Versuchten Mordes schuldig gemacht zu haben.
00:55:27: Die Tat habe er nicht nur Heimzüggel, sondern auch mit einem gemeingefährlichen Mittel begangen.
00:55:32: Nach dem Fallenlassen des Holzklotzes habe Joey nicht mehr in der Hand gehabt, wo der Klotz aufschlagen und welche Fahrzeuge er treffen würde.
00:55:38: Durch sein Handeln habe er nicht nur die Familie von Valentin gefährdet, sondern auch andere Verkehrsteilnehmerinnen, die in eine Unfallstelle hätte hineingeraten oder über den Holzklotz fahren und dabei die Kontrolle über ihr Fahrzeug hätten verlieren können.
00:55:51: Doch dass eine Verurteilung von Nuri nur reine Formsache sein wird, von dieser Vorstellung haben sich alle Anwesenden im Gericht längst verabschiedet.
00:55:59: Denn Nuri hat sein Geständnis widerrufen.
00:56:01: Bereits einen Tag nach seiner Verhaftung wollte er nicht mehr mit der Polizei sprechen.
00:56:05: Kurze Zeit später nahm er dann schriftlich all das zurück, was er zuvor zugegeben hatte.
00:56:10: Dass das auch mit seinen insgesamt drei Anwelten zu tun hat, scheint naheliegend.
00:56:14: Denn die beginnen den Prozess mit einer bürokratischen Verzögerungstaktik.
00:56:19: Und zwar.
00:56:19: Ausschluss eines Sachverständigen, Übersetzung der Anklageschrift ins Russische, Lügendetektortest für ihren Mandanten und so weiter.
00:56:27: Was?
00:56:29: Insgesamt dreizehn Anträge legt die Verteidigung vor, die zwar allesamt abgelehnt werden, jedoch einen ersten Vorgeschmack auf das Bild bieten, welches sie im weiteren Verlauf des Verfahrens zu Zeichnen versuchen.
00:56:41: Das eines hilflosen Mannes, der zu Unrecht beschuldigt und dem Staatsapparat nahezu ausgeliefert ist.
00:56:47: Denn die Verteidigung behauptet, Jury sei nicht nur der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig, er sei auch am Tag seiner Festnahme gar nicht vernehmungsfähig gewesen.
00:56:56: Wieso das?
00:56:57: Die meinen wegen der Drogenabhängigkeit.
00:57:00: Ah ja.
00:57:01: Während sich das angebliche Sprachproblem angesichts früherer Verfahren in den Jury auf einen Dolmetscher verzichtete, schnell als Vorwand herausstellt, verhält es sich im Falle des widerrufenden Geständnisses anders.
00:57:12: Denn das wird jetzt zum Dreh- und Angelpunkt des Prozesses.
00:57:16: Einige Verhandlungstage später behauptet Yuri nämlich, dass die Beamtinnen ihn unter Druck gesetzt hätten.
00:57:22: Im Metadon nur im Gegenzug für kooperatives Verhalten versprochen und gedroht hätten, ihn wortwörtlich in den Keller zu sperren, wenn er nicht rede.
00:57:31: Das darauf folgende Geständnis habe er nur aus Angst vor Entzugserscheinungen abgegeben.
00:57:36: Ich hätte alles unterschrieben, erklärt Yuri.
00:57:39: Doch das Vernehmungsprotokoll vom Tag der Verhaftung schildert eine andere Version.
00:57:43: Obwohl ein Polizeiarzt Juri eine Vernehmungsfähigkeit von rund vier Stunden attestiert hatte, entschlossen sich die Beamten, nach bereits zwei Stunden eine Pause einzulegen, um Juri in einer nahegelegenen Klinik Methadone verabreichen zu lassen.
00:57:56: Zudem sei die Gesprächsatmosphäre während der Vernehmung laut Protokoll gut gewesen.
00:58:01: Yuri habe erleichtert gewürgt, auf einen Rechtsbestand verzichtet und rollmütig Interesse an Mascha und ihrer Familie gezeigt.
00:58:08: So habe er wissen wollen, wie es den Kindern gehe, ob es stimme, dass die Familie wie er selbst aus Kasachstan stammt und ob Mascha wirklich zuvor Krebs gehabt habe.
00:58:17: Das alles muss sich Valentin von der Nebenklagebank anhören.
00:58:20: Tag für Tag verfolgt er von der dioristischen Details im Mordfall seiner Frau.
00:58:24: Eine Konstante gibt es über alle Verhandlungstage.
00:58:27: Sein Blick und der Juris treffen sich nicht einmal.
00:58:32: Um herauszufinden, wie glaubwürdig Juris Geständnis war, wird ein Gutachter in den Zeugenstamm geladen.
00:58:37: Was der Psychologe zu sagen hat, nimmt der Verteidigung den juristischen Wind aus den Segeln.
00:58:42: Gegen die Richtigkeit des Geständnisses spricht seiner Meinung nach nämlich rein gar nichts.
00:58:47: So führt der Sachverständige an, dass der Angeklagte in seinem Geständnis Zeta-Wissen offenbart habe.
00:58:52: Yuri habe nicht nur den Tathergang detailliert geschildert, sondern zugleich von seiner Beobachtung berichten können, wie Valentin nach Aufprall des Holzklotzes das Familienauto zum Stehen gebracht habe und wie er unter dem blinkenden Rot der Warnblinkerlage um das Auto herumgegangen war.
00:59:07: Darüber hinaus sei der Angeklagte keine Person, die leicht beeinflussbar und dennoch einfach zu einem Geständnis zu verleiten sei.
00:59:14: Die Frage nach dem Warum hat Yuri in seinem widerrufenden Geständnis ja schon selbst beantwortet.
00:59:19: Aus Frust über nicht vorhandene Drogen.
00:59:22: Aber inwieweit hat sich seine Sucht auf sein Handeln ausgewirkt?
00:59:25: Um das für das Gericht einzuschätzen, nimmt ein weiterer Gutachter im Zeugenstand Platz.
00:59:29: Er hat nicht nur Gespräche mit Yuri geführt, sondern auch Unterlagen zu seiner Krankengeschichte und zu vorherigen Therapien durchgearbeitet.
00:59:36: Er kommt zu dem Schluss, dass die Sucht bei Juri nicht zu einer sogenannten Persönlichkeitsdeprivation geführt hat.
00:59:42: Das heißt, dass es bei ihm nicht so ist, dass sich jetzt sein ganzes Denken, Fühlen und Handeln um die Droh gedreht, dass er irgendwelche Verwahrlosungstendenzen aufweist, massive Schlafstörungen hat oder ähnliches.
00:59:54: Es sei auch nicht so, dass Juri soziale Aktivitäten zugunsten seines Drogenkonsums besonders vernachlässigen würde.
01:00:01: Wenn er seine übliche Menge Heroine am Tag nimmt, ist es ihm auch möglich, körperlich zu arbeiten.
01:00:06: Kurs gesagt, Yuri ist trotz seiner Drogensucht fähig, ein relativ normales Leben zu führen.
01:00:11: An dem Tattag hat er am Morgen auch bereits seine übliche Dosis eingenommen und stand demnach zur Tatzeit nicht unter massiven Entzugserscheinungen.
01:00:19: Daher ist sich der psychiatrische Gutachter sicher, dass Yuris Schuldfähigkeit nicht vermindert war.
01:00:25: Das sieht auch das Gericht letztendlich so und verurteilt Juri nach zweiunddreißig Verhandlungstagen wegen heimtückischen Mordes, versuchten heimtückischen Mordes in drei Fällen sowie vorsätzlich gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu einer lebenslangen Haftstrafe.
01:00:39: Das Mordmerkmal des gemeingefährlichen Mittels wurde vom Gericht nicht anerkannt.
01:00:44: Warum, das erkläre ich euch nachher in Ruhe.
01:00:48: Während Yuri seinen Urteil Riegungslos aufnimmt, stößt der Vorsitzende Richter einen langen Seufzer aus, ehe er sich in seinem Stuhl zurücklehnt, um es zu begründen.
01:00:57: Dabei wendet er sich nach einigen Minuten Valentin zu.
01:01:00: Wir alle fühlen mit ihnen, sagt er.
01:01:03: Wenn sie an diesem Tag nicht so fantastisch reagiert hätten, wären ihre Kinder auch gestorben.
01:01:08: Das müssen sie sich immer wieder klar machen.
01:01:12: Das weiß Valentin.
01:01:13: Und jeden Tag ist er dankbar dafür, seine Kinder noch bei sich zu haben, das Einzige, was ihm von Mascha geblieben ist.
01:01:20: Nach dem Urteil gegen den Mann, der aus Frust über nicht erhaltene Drogen einen Holzklotz auf ein fahrendes Auto warf und damit seine Frau tötete, verlässt Valentin das Oldenburger Landgericht über ein Hinterausgang.
01:01:32: Nicht er selbst, sondern sein Anwalt wird den Journalistinnen ein Statement zum Urteil geben.
01:01:36: Denn Valentin hat etwas anderes im Sinn.
01:01:39: Noch einmal möchte der siebenunddreißigjährige Jehenenort aufsuchen, an dem das gemeinsame Leben von ihm und seiner Frau an Jehes Ende fand, an dem seine Kinder, ihre Mutter verloren und er, die Liebe seines Lebens.
01:01:51: Auf dem Grauen Asphalt neben der Autobahnbrücke legt er ein Strauß roter Rosen für sie ab.
01:01:56: Für die Frau, die nie wieder Filmschnulzen schauen wird, nie wieder Karaoke singen wird und die sich ihren Traum von der Kanadareise niemals erfüllen wird.
01:02:07: Also ich finde das so wahnsinnig diese Vorstellung, dass man irgendwo hinfahren will mit der ganzen Familie.
01:02:13: Und auf einmal steht da ein Typ auf einer Autobahnbrücke und wirft da einen Klotz runter.
01:02:19: Ja.
01:02:20: Einfach so.
01:02:21: Ja.
01:02:21: Und die haben das ja auch nicht mal kommen sehen, weil es so dunkel war.
01:02:25: Es hat einfach diesen lauten Knall gegeben und Scherben sind rumgeflogen.
01:02:32: Und die wussten am Anfang ja gar nicht, was ist hier eigentlich gerade passiert.
01:02:35: Also ich denke mir auch manchmal wirklich im Straßenverkehr.
01:02:39: Also manchmal denke ich, wir sind doch alle den anderen so hilflos ausgeliefert.
01:02:42: Ja, Laura und ich waren neulich zusammen in einem Telefonat.
01:02:46: Und ich bin gefahren und auf einmal kommt mir eine Geisterfahrerin entgegen.
01:02:50: Ja, stimmt.
01:02:51: Das ist noch, ja.
01:02:52: Wo ich so dachte, das kann doch nicht sein.
01:02:53: Zwei Autos hintereinander sind zusammen falsch abgebogen.
01:02:57: In Berlin bei der Goldelse, das ist halt so ein riesiger... Kreise.
01:03:01: Siegelsäule ausfahrten.
01:03:03: Siegelsäule, Gold.
01:03:05: Ich glaube, die anderen Leute wissen nicht, dass man das auch Gold älter
01:03:08: nennt.
01:03:11: Genau.
01:03:12: Und die sind halt einfach da abgefahren, wo man reinfährt.
01:03:16: So einfach so vollem Tempo, ich so.
01:03:18: Alles klar.
01:03:19: Mit vollem
01:03:19: Tempo?
01:03:20: Ja, also
01:03:20: halt normal, als ob die halt gerade abbiegen.
01:03:23: Ach du Scheiße.
01:03:24: Also weißt du, wo man sich wirklich denkt, dass einem selber im Straßenverkehr noch nicht so viel passiert ist?
01:03:30: Es
01:03:30: ist ein Wunder.
01:03:31: Wahnsinnig.
01:03:32: Ja, das stimmt.
01:03:32: Und
01:03:33: diese arme Familie, der ist uns jetzt halt passiert.
01:03:37: Ja.
01:03:38: Ich hab das auch, wenn ich auf der Autobahn fahre, alleine und dann noch ein bisschen schneller fahre.
01:03:43: Meistens mach ich das nicht, weil Leute auch noch bei mir drin sind.
01:03:46: Aber wenn ich jetzt mal mit, keine Ahnung, mit hundert und achtzig über die Autobahn fahre, dann denk ich mir manchmal auch so, das kann jetzt auch in einer Sekunde hier alles vorbei sein, ne?
01:03:54: Also, wenn irgendwas passiert oder wenn mir gut oder wenn mir irgendwie ein Tier vor's Auto läuft oder sowas und ich kann dann nicht so reagieren, wie man das machen soll und zwar draufhalten, weil ich mich so erschrecke.
01:04:06: ist halt alles vorbei, weil man einfach viel zu schnell unterwegs war.
01:04:09: Und die, also Valentin war ja auch mit hundert dreißig Kmh unterwegs.
01:04:13: Und ich finde das so krass, wie er dann in dem Moment quasi so besonnen reagieren konnte.
01:04:20: Abbremsen, aber keine Vollbremsung.
01:04:22: Da hat er auch quasi gesagt, er wollte keine Vollbremsung machen, weil er nicht wusste, wer hinter ihm ist, dass da noch jemand dann von hinten drauf fährt.
01:04:29: Und dass er dann auch noch es geschafft hat, sozusagen wirklich da auf dem Pannenstreifen zu landen.
01:04:36: Und dann die Warnblinkanlage an und alles so, wo man sich so denkt, wow, also ich weiß nicht, wie ich in dem Moment reagiert hätte.
01:04:44: Ja, also ich gehe davon aus, dass der einfach auf Autopilot geschaltet hat in dem Moment, weil der ja auch noch einfach Kinder hinten drin hatte, die ja auch noch verantwortlich war.
01:04:53: Ja, was mich aber auch bei dem Fall gewundert hat, also in Bezug auf was ganz anderes jetzt war, wie krass Joris Anwälte versucht haben.
01:05:03: den als Opfer des Rechtssystems darzustellen.
01:05:06: Ja, also man hatte ja den Eindruck, die wollen da jetzt ein Justiz-Irtum aufdecken, ja.
01:05:11: Ja, ja, voll.
01:05:12: Bei jemandem, der gestanden hat.
01:05:15: Also ich mein, okay, es gibt auch falsche Geständnisse, aber...
01:05:18: Ja, voll.
01:05:18: Und in den ganzen Artikeln dachte ich auch so, hm?
01:05:23: Ist da nicht vielleicht dann doch was dran und so, ne?
01:05:26: Aber als ich da mit dem Urteil fertig war, war ziemlich klar, dass das auf jeden Fall scheitern wird dieser Versuch.
01:05:33: Also ich meine, klar ist das blöd, wenn dein Mandant ein Geständnis abgibt, ohne dass du dabei bist.
01:05:39: Aber eben laut dem Urteil wurde Juri das Angeboten mehrmals, einen Rechtsbeistand dazu zu holen und er hat mehrmals abgelehnt.
01:05:46: Und das hat er auch verstanden.
01:05:48: Ja, zu diesem Sprachproblem oder diesem angeblichen Sprachproblem.
01:05:52: Da hat jeder, der mit dem Kontakt hatte, nicht nur die Polizeibeamtinnen, sondern auch seine Bekannten und so, haben gesagt, dass er normal Deutsch spricht und Deutsch auch versteht.
01:06:03: Der wohnte da zu dem Zeitpunkt auch schon vierzehn Jahre in Deutschland, war da auch zur Schule gegangen.
01:06:08: Okay, weil Rechtsbeistand ist ja nun auch ein Wort, ne?
01:06:12: Wenn das die Polizei vor mir ...
01:06:14: Ja, das stimmt natürlich.
01:06:14: ... sagt
01:06:15: und ich bin kein Muttersprachler.
01:06:18: Also was weiß ich, ob ich das dann verstehe?
01:06:20: Ja, also hier in dem Fall haben Sie sozusagen festgestellt, dass er das verstehen kann und auch in den letzten, der war ja schon ein paar Mal vorbestraft, in seinen ganzen letzten Verfahren nie einen Dolmetscher gebraucht hat oder sowas.
01:06:34: Ah, okay.
01:06:35: Ja, und dann hieß es ja quasi dann auf einmal mitten im Prozess, dass er ja mit Methadon erpresst wurde, von wegen, nur wenn du gestehst, kriegst du Stoff so ein bisschen.
01:06:45: Aber er hat ja davor schon gestanden, als die da draußen auf dem Innenhof standen und geraucht haben.
01:06:52: Und dann hat er zwei Stunden später Methadon bekommen und ist dann auch bei dem Geständensgeblieben, was ja auch Täterwissen enthielt.
01:07:00: Also es war eigentlich alles ziemlich klar meiner Meinung nach, aber die Verteidiger haben da halt echt irgendwie lange versucht, der Polizei explizit dann auch verbotene Vernehmungsmethoden zu unterstellen.
01:07:10: Und seltsam daran finde ich, dass das dann erst mitten im Prozess aufkommt und nicht direkt gleich mal am Anfang Thema war.
01:07:16: Ja, das hat auch der Vorsitzende Richter zur Presse gesagt, dass ihm das Timing sehr gewundert hatte.
01:07:21: von diesen Unterstellungen dann auf einmal.
01:07:24: Es wurden aber eben auch keine verbotenen Methoden festgestellt.
01:07:28: Aber ich habe mich in dem Zusammenhang gefragt, was ist denn eigentlich bei so einer Vernehmung verboten und was nicht?
01:07:35: Und die Antwort darauf findet man in der Strafprozessordnung und verboten ist zum Beispiel, wer hätte es gedacht?
01:07:41: Mishandlung, Quälerei, Ermüdung oder Hypnose?
01:07:44: Ja, oder halt auch Gewalt an Drohung an sich reicht ja auch schon, wissen wir ja von diesem Fall Magnus Geffgen.
01:07:51: Ja.
01:07:52: was Polizistinnen aber auch nicht dürfen, ist zum Beispiel Lügen, unbeschuldigte zu einem Geständnis zu verleiten.
01:07:58: Aber ich habe jetzt herausgefunden, da gibt es Graubereiche.
01:08:02: Was nicht geht, ist Täuschung.
01:08:05: Was aber geht, ist die sogenannte kriminalistische List.
01:08:09: Der BGH sagt nämlich, dass der Irrtum einer beschuldigten Person nicht absichtlich erregt, ausgeweitet oder verstärkt werden darf.
01:08:16: Er darf aber ausgenutzt werden.
01:08:18: Beispiel.
01:08:19: Was ich als Polizistin nicht dürfte, wäre in der Vernehmung zu behaupten, dass die Beweislast gegen dich Paulina erdrückend ist, wenn das gar nicht stimmt.
01:08:29: Wenn ich aber mit einem fetten Stapel Papiere in deine Beschuldigtenvernehmung komme und du denkst, oh Gott, diese ganzen Seiten sind jetzt voll mit beweisen gegen mich, dann muss ich diesen Irrtum nicht korrigieren.
01:08:43: Ja, wobei ich da, also wenn es jetzt um mich geht, sagen würde, da kann man sich jetzt drüber streiten, ob man mit einem Stapelpapier denn nicht doch absichtlich einen Ötum hervorruft.
01:08:54: Ja, ja, ich sehe das genauso, deswegen habe ich auch von diesen Graubereichen gesprochen.
01:08:59: Ich finde, das ist alles sehr grau.
01:09:02: Ja, Shady Shades of Grey.
01:09:04: Ist das?
01:09:04: Ja.
01:09:05: Aber was die Polizei bei deinem Fall ja auch gemacht hat, ist, dass mit diesem Massengehentest behauptet, ne?
01:09:09: Ja, und da habe ich jetzt mal bei Tobi vom Podcast Tatwort nachgefragt.
01:09:14: Der ist Polizist und lehrt als Dozent an der Polizeiakademie und muss das ja wohl wissen.
01:09:20: Und der hat gesagt, dass sowas schon auch eher in der Grauzone ist.
01:09:25: Also, wenn die gesagt hätten, sie haben den A gefunden und wollen jetzt einen Massengehentest durchführen, Dann wäre das ja eine klare Lüge, weil die hatten ja gar keine DNA gefunden.
01:09:36: Und dann wäre das auch verboten.
01:09:38: Aber die Formulierung war eine andere, weil der Polizist meinte, wenn sie Spuren finden würden, dann würden sie diesen Test erwegen.
01:09:48: Ja, na gut, also das ist ja so wage.
01:09:55: Das ist auf jeden
01:09:55: Fall,
01:09:57: das ist wage, aber die wussten genau, Wenn die sowas sagen, was das auslösen kann.
01:10:04: Gut, aber weil ansonsten hätte ich gesagt, das ist wie wenn wir ihn finden, verhaften wir ihn.
01:10:08: Ja, genau.
01:10:09: Das
01:10:09: ist für mich die selbe Wirkung.
01:10:11: Ja, das hat Tobi auch gesagt, der meinte so, er hat halt gesagt, was die normale Prozedur ist, wenn was passiert.
01:10:20: Aber die hätten auch nichts sagen müssen.
01:10:22: Also sowas muss man nicht sagen, das weiß man ja eigentlich auch, dass es so halt läuft.
01:10:28: Aber die haben im Nachhinein dann zugegeben, die Polizei, dass sie das extra gesagt haben, um den Druck auf den Täter zu erhöhen und eine Reaktion hervorzurufen.
01:10:37: Also da kann man dann schon sagen, ja, das fällt unter die kriminalistische List, aber man sieht, es kommt total auf die Formulierung an.
01:10:46: Also man muss wirklich... da genau darauf aufpassen, dass man eben halt nichts Falsches sagt, nicht lügt.
01:10:52: Also das hatten wir auf jeden Fall auch schon öfter empfehlen.
01:10:57: Warte, ich guck mal kurz, weil das war in dieser Knochenfolge, wo schon einige Zeit nach der Tat vergangen war.
01:11:07: Und man wusste erst gar nicht, wer das Opfer war, aber durch so eine Gesichtsrekonstruktion kam das dann raus.
01:11:12: Und dann hat die Polizei auch einen Hinweis bekommen, wer dafür verantwortlich sein könnte.
01:11:18: Hier.
01:11:19: Also, fünf Jahre lang hatte kein Haar nach Barney gekrebt.
01:11:24: Barney war das Mordopfer.
01:11:26: Weshalb sich die Gruppe offenbar in Sicherheit wiegt, um das zu ändern, kügeln Mario Luda und sein Team einen Plan aus.
01:11:33: Um die Verdächtigen ein wenig scheu zu machen, bedienen sie sich wieder der Medien.
01:11:37: Zitat, Mordopfer nach fünf Jahren identifiziert steht groß an den Tageszeitungen und diese werden durch das Team extra in die Briefkästen von den übrig gebliebenen fünf geworfen, in der Hoffnung, dass zumindest einer oder eine von ihnen einen Blick in die Zeitung wirft.
01:11:50: Ja, also haben die einfach mit der Zeitung gedeelt, dass das da irgendwie groß vorne drauf kommt und haben denen das dann in die Briefkästen geworfen.
01:11:58: Das wird ja fein sein.
01:12:00: Ja, das hört sich überhaupt nicht schade an.
01:12:02: Nee, und ich finde auch, dass man... wirklich ein bisschen bedenken muss, also abgesehen von Gewaltandrohung und so.
01:12:09: dass das auch immer sein kann, dass das Leute sind, die da draußen noch eine Gefahr für andere darstellen.
01:12:15: Also das muss man sich doch mal überlegen.
01:12:17: Das steht einen Typ auf einer Brücke und wirft wahllos einen Klotz runter.
01:12:23: Das ist nämlich anders als bei den meisten Fällen von uns.
01:12:26: Das war ganz willkürlich.
01:12:28: Hat der Täter da auf irgendein Auto raufgeworfen.
01:12:31: Normalerweise ist das bei den Taten, die wir hier behandeln, so.
01:12:34: Jemand bringt jemand anderen aus einem bestimmten Grundum, weil er möchte, dass die Person stirbt.
01:12:40: Und hier, also das Exklusiv, diese Person stirbt.
01:12:42: Und hier ist es einfach so völlig willkürlich und das hätte ja auch sein können, dass der da irgendwie was weiß ich wegen Allmachtsfantasien oder so nochmal so einen Klotz oder was auch immer von der Brücke schmeißt.
01:12:53: Ja.
01:12:55: Und nochmal generell zu diesem Klotz.
01:12:58: Was mich während der Recherche richtig doll beschäftigt hat, ist, dass es ja wirklich so ein Zufall war, dass es jetzt erstens ein Auto getroffen hat, das voll besetzt war und dann auch noch eine Person direkt tödlich verletzt hat.
01:13:14: Weil das Gericht glaubt Jury ja, dass der nur die Stoßstange bzw.
01:13:18: das Licht von dem Auto treffen wollte.
01:13:21: und hätte der diesen Scheißklotz jetzt, keine Ahnung, eine Sekunde früher losgelassen, dann wäre der ja vielleicht vor dem Auto gelandet oder auf der Kühlerhaube und dann wäre möglicherweise niemand gestorben.
01:13:35: Und diese Gedanken,
01:13:36: die
01:13:37: man dann ja bei vielen Sachen hat, die machen mich so fertig.
01:13:41: Und es war ja jetzt auch so, dass Yuri mit der Absicht zur Brücke gefahren ist, da gleich diesen Klotz runterzuwerfen.
01:13:49: Aber das ist tatsächlich bei dieser Art von Taten, also was von der Brücke runterwerfen, ungewöhnlich.
01:13:55: Experten gehen nämlich davon aus, dass sowas meist spontan aus einem Impuls heraus passiert.
01:14:00: Der Kriminalpsychologe Georg Sieber spricht in einem Interview mit dem Stern auch von dem Phänomen des spontanen Tiefenwerfens.
01:14:08: Also Tiefenwerfen, weil man was in die Tiefe wirft.
01:14:12: Und besonders häufig ... Ich finde das irgendwie ein komischen Aus.
01:14:16: Ich würde es eher sagen, spontaner Brückenwurf.
01:14:20: Aber gut.
01:14:23: Besonders häufig seien diejenigen, die da was werfen, jung, männlich und von Langeweile oder Übermut angetrieben.
01:14:30: Das gehe nicht um einen individuellen Nutzen, wie jetzt zum Beispiel bei einem Diebstahl oder bei einem Sexualdelikt, sondern um Emotion.
01:14:37: Rechtspsychologe Prof.
01:14:39: Dr.
01:14:39: Dietmar Holbrock hat es uns im Interview so erklärt.
01:14:42: Guckt man eben dahinter, welches Gefühl könnte denn dahinterstecken, wenn man sozusagen in der Dunkelheit aus dem Hinterhalt heraus wahllos, steine oder andere schwere Gegenstände von einer Brücke wirft, das ist natürlich das Gefühl der Macht.
01:14:56: Und in einem Prozess hat einer der dort angeklagten, wörtlich gesagt, einmal Gott spielen.
01:15:03: habe für ihn eine Rolle gespielt und ich denke, damit ist das Motiv eigentlich ganz gut ausgedrückt.
01:15:08: Prof.
01:15:08: Heuerbrug sagt, dass dieses Machtempfinden damit zu tun hat, dass Täterinnen das Gefühl haben, mit ihrem Wurf darüber entscheiden zu können, was in den nächsten Sekunden und Minuten passiert.
01:15:19: Und dieses Bedürfnis, das habe oft mit den bisherigen Lebenserfahrungen dieser Täterinnen zu tun.
01:15:24: Also laut unserem Experten kommen solche Menschen nämlich häufig aus instabilen Verhältnissen und leiden auch unter Minderwertigkeitskomplexen.
01:15:32: Sprich, bei diesem Bedürfnis Macht über ein Geschehen zu haben, geht es symbolisch auch um Macht über das eigene Leben.
01:15:40: Andere Menschen mit diesem tiefen Werfen zu töten, sei laut Dietmar Heubruck, aber nur selten die Absicht.
01:15:46: Vor allem, weil sich die Täterinnen nicht mit den Konsequenzen ihres Handelns auseinandersetzen.
01:15:51: Heubruck beschreibt das so.
01:15:53: Sie denken nicht an die Folgen, sondern wenn das ein so starkes persönliches Motiv ist, also es zu brauchen, dass man sich über Leben und Tod erhebt, um ein tolles Gefühl zu haben, um einmal Gott gespielt zu haben, dann treten die möglichen Folgen für andere komplett in den Hintergrund.
01:16:09: Man kann auch sagen, das ist den Betroffenen aus ihrer individuellen Bedürftigkeit heraus komplett egal.
01:16:15: Und es gibt ja auch diese Gefahrenmeldung im Radio, ne?
01:16:18: Wenn, das hast du ja wahrscheinlich auch schon mal gehört, wenn ... Es heißt Gegenstände auf der Fahrbahn oder so, ne?
01:16:25: Und das passiert eben auch, wenn jemand irgendwas runtergeworfen hat oder so und das halt noch liegen bleibt, dann versuchen die natürlich so schnell wie möglich andere Autofahrer einzubahnen.
01:16:35: Und unsere Experte sieht diese Radiomeldung aber kritisch.
01:16:39: Weil er ist der Meinung, dass solche Meldungen eben auch nochmal dieses Machtbedürfnis von Täter in bedienen, weil sie indirekt ja dann auch noch dafür sorgen, dass viele andere Autofahrer ihnen jetzt wegen ihnen Angst bekommen und sie dadurch ja Macht haben über viel mehr Menschen noch.
01:16:54: Ja, verstehe ich.
01:16:55: Aber es gibt ja auch irgendwie darum, um die Leute zu warnen, die da gerade auf der Autobahn unterwegs sind.
01:17:01: Ja.
01:17:03: Wobei man glaube ich auch sagen muss, das Gefährliche an diesen Taten ist ja auch, dass man sich eigentlich ja als Autofahrer gar nicht davor schützen kann, weil das dann wirklich im Buchteil von einer Sekunde passiert.
01:17:16: Und dann stellt sich ja die Frage, welche Konsequenz ziehe ich denn aus so einer Meldung?
01:17:21: Also ziehe ich überhaupt eine daraus?
01:17:23: Ich feier ja nicht so oft Auto, aber du wirst ja oft das Auto.
01:17:26: Wenn du so eine Meldung hörst, was löst das dann in dir aus?
01:17:30: Also, wenn ich höre auf der Strecke, auf der ich gerade fahre, da stehen Menschen und werfen Steine von der Brücke, da würde ich aber ja wohl die nächste Ausfahrt nehmen.
01:17:42: Und wenn nicht das, dann würde zumindest ich alte Raserin, als die ich hier bezeichnet werde von unseren Höhrenden, zumindest von Tempo dreihundert bisschen runtergerossen.
01:17:55: Ist ja so.
01:17:56: Nicht,
01:17:56: dass die Leute echt denken, dass du drei Hundert fährst.
01:17:59: Nein, das mach ich wirklich nicht.
01:18:01: Aber weißt du, ich krieg eh schon wirklich Schweißausbrüche, wenn ich Leute oben auf der Autobahn rückgesehen.
01:18:09: Selbst
01:18:09: wenn das eine Oma und ihr Enkel ist, dann denk ich, zeig eure Hände
01:18:14: ihr
01:18:14: Verdächtigen.
01:18:16: Ja, ich hab das auch.
01:18:17: Mit Brücken hab ich das wirklich auch.
01:18:19: Wenn da jemand steht, einfach nur steht und runter guckt, da denkt man sich so... Am liebsten die Fahrbahn wechseln dahin, wo die nicht stehen.
01:18:29: Ich denke mir auch, was ist denn so toll daran, auf einer Brücke zu stehen und runter zu gucken?
01:18:34: Das sind doch Autos.
01:18:35: Also ich denke immer, entweder fliegt da gleich ein Gegenstand runter oder die Person selbst.
01:18:40: Weißt du, was mir dabei auch so Angst macht, ist, das ist so anonym.
01:18:43: Also ich sehe die zwar da oben, aber die denken, man ist ein Auto.
01:18:47: Die sehen einem nicht ins Gesicht, die sehen nicht, dass da eine Familie drin sitzt oder ... oder eine Oma oder wer auch immer, was da für eine Person mit einer Lebensgeschichte hinter sitzt.
01:18:57: Das finde ich einfach bedrückend.
01:18:59: Bedrückend, weil es auch so feige ist.
01:19:02: Und deswegen finde ich es auch okay, wenn die dann sollte im Bedingt der Tütungsvorsatz vorhanden sein, wegen heimtürkischen Mordes dann verurteilt werden.
01:19:10: Weil man rechnet nicht damit, man sieht es nicht kommen.
01:19:15: Und in anderen Fällen jetzt abgesehen von deinem offenbar.
01:19:18: wird dann auch ein Mord wegen des gemeingefährlichen Mittels, wenn das als Merkmal anerkannt wird.
01:19:23: Weil, stellen wir uns vor, jemand wirft jetzt diesen Stein im Feierabendverkehr runter, dann hast du da hinten noch eine Massenkarambolage dran oder so, fällt dir ein Lkw hinten rein und dann ist da aber ordentlich was los.
01:19:35: Und es ist ja ganz klar, dass die Personen das in dem Moment nicht in der Hand haben, was passiert.
01:19:40: Weil die auch gar nicht absehen können, wie reagieren denn die Autofahnen überhaupt?
01:19:43: Und deswegen finde ich es auch gut, dass es juristisch übrigens egal ist, ob mehrere Menschen dabei getötet werden oder lebensgefährlich verletzt werden, weil es alleine erst mal um diese Gefährdungsgrundlage geht.
01:19:54: Also um die Möglichkeit, dass da was passiert.
01:19:57: Das reicht schon aus, wenn man denn den Todwilligenden kaufnimmt, dass das dann als gemeingefährliches Mittel anerkannt wird.
01:20:04: Und was man daran ja auch ganz gut sieht ist, dass es halt gar nicht darauf ankommt, ist ein Gegenstand jetzt grundsätzlich unkontrollierbar oder gemeingefährlich, sondern es geht um das Potenzial des jeweiligen Mittels in der Situation.
01:20:18: Also demnach könnten einige Gegenstände potenziell ein gemeingefährliches Mittel sein.
01:20:24: Also wenn man jetzt beispielsweise Laura auf sehr viele sehr kleine Menschen werfen würde.
01:20:30: Dann könnte auch Laura ein gemeingefährliches Mittel sein.
01:20:33: Ihr versteht, was ich meine.
01:20:36: Ja, ich kann auch gefährlich werden.
01:20:39: Aber es kommt immer auf die Situation an, aber es kommt auch immer auf die Absichten der Täterinnen an.
01:20:45: Und da liegt die Crux in meinem Fall.
01:20:47: Weil genau deshalb wurde Yuri ... am Ende nur wegen heimdückischer Mordes und nicht auch noch wegen Mordes mit gemeingefälligem Mittel verurteilt.
01:20:54: Es ist nämlich so, dass die Rechtsprechung immer auch einen entsprechenden Vorsatz auf die Gemeingefährlichkeit der Tat verlangt.
01:21:01: Also das heißt, der oder die Täterin muss zumindest billigend in Kauf nehmen, dass mehrere unbeteiligte Personen wegen dieser Unkontrollierbarkeit des eingesetzten Mittels sterben könnten.
01:21:12: Genau, aber nur kurz zur Unterscheidung.
01:21:15: Bei Mord wird immer bedingter Vorsatz mindestens in Bezug auf die Tötung angenommen.
01:21:20: Also, dass der Täter oder die Täterin diese Verwirklichung der Tötung zumindest billigend in Kauf nimmt.
01:21:25: Und Laura spricht jetzt hier aber von dem Vorsatz in Bezug auf die Unkontrollierbarkeit des Mittels.
01:21:31: Genau, das eine konnten Sie Juri nachweisen.
01:21:34: Also, Vorsatz auf die Tötung, aber nicht auf die Unkontrollierbarkeit des Mittels.
01:21:38: Und zwar argumentiert das Landgericht im Urteil so, dass Jury die Folgen seines Holzklotz-Wurfes zwar nicht in der Hand hatte.
01:21:46: Er aber laut seinem Geständnis nur davon ausging, dass die im anvisierten Auto, also dem Auto von Valentin, sitzenden Personen sterben könnten.
01:21:54: Also nur die.
01:21:54: Sprich, Jury hat laut Gericht keinen Vorsatz auf die Gefährdung anderer Autofahrerinnen gehabt.
01:22:00: Er dachte, er wirft den Klotz da jetzt runter.
01:22:03: Der BMW macht einen Unfall und vielleicht stirbt auch jemand im BMW.
01:22:07: Aber weil die Autobahn an diesem Feiertag und um diese späte Uhrzeit dann noch ansonsten leer war, glaubt ihm das Gericht, dass Juri nicht damit gerechnet hat, dass noch andere unbeteiligte Menschen gefährdet werden.
01:22:19: Genau und so ähnlich war das auch bei den Kudamrasan.
01:22:22: Also wir haben ja vorhin von Autos als gemeingefährliche Mittel gesprochen und vielleicht ist bei dem ein oder der anderen dieser Fall irgendwie wieder aufgeploppt im Gedächtnis.
01:22:31: Bei den
01:22:32: Kudamrasan, da war das Ja, so, dass zwei Berliner geratscht sind bei so einem illegalen Auto-Rennen vor sieben Jahren und so ziemlich jede Verkehrsvorschrift ignoriert haben, die es gab und mit Hundertsechzig Sachen halt eben über den Kudam geratscht sind, bis ein unbeteiligtes Auto gerammt wurde und der Fahrer darin starb.
01:22:48: Und das Ganze wurde dann zu nahe... rechtlichen Grundsatzdiskussion und auch so einem richtigen Draht sei Akt, weil es ging immer Landgericht, BGH, Landgericht, BGH, Landgericht, BGH und der BGH hat schon immer so Hinweise, Hinweise, Hinweise, ihr könnt es so machen, ihr könnt es, ihr könnt danach verurteilen, aber das Landgericht, Berlin hat es irgendwie immer nie hinbekommen.
01:23:07: Komisch in Berlin.
01:23:09: Am Ende ging es eigentlich um die Frage, können autorasende MörderInnen sein statt nur... Täter innen von fahrlässigen Tötungen, was eigentlich meistens, also früher zumindest meistens, das Urteil bei Rasen war.
01:23:21: Und jetzt hatte man halt entschieden, ja können sie.
01:23:24: In diesem Fall hat der BGH das gemeingefährliche Mittel aber verneint.
01:23:28: Ja, die sind so irre gefahren, dass da auch Fahrzeugteile beim Crash durch die Luft geflogen sind und so.
01:23:33: Aber in diesem Fall konnte man dem Einraser eben halt nicht nachweisen, dass er Zitat über den Primäraufprall hinausgehende weitere Unfallfolgen für sich oder Dritte für möglich hielt und in Kauf nahm.
01:23:46: Also heißt es fehlte ihm am Vorsatz für das gemeingefährliche Mittel.
01:23:50: Und mit dieser Begründung kann eigentlich auch jeder, der jetzt gut zugehört hat, auch wenn es vielleicht ein bisschen juristisch kompliziert war, das kleine Rätsel vom Anfang lösen.
01:23:59: Also wir hatten ja gesagt, dass nur bei einem Fall von den beiden, die wir kurz angeteased haben, das Mordmerkmal der gemeingefährlichen Mittel festgestellt wurde.
01:24:07: Und das war nicht bei der Frau, die ihren Ex-Mann angezündet hat.
01:24:11: Auch wenn das Landgericht Konstanz die Frau erst mal wegen Mordes mit einem gemeingefährlichen Mittel in dem Fall Feuer verurteilt hat.
01:24:17: Nee, der BGH hat im Revisionsverfahren gesagt, falsch, falsch, falsch.
01:24:20: Und zwar ist eben keine Anhaltspunkte dafür gab, dass die Frau zusätzlich damit rechnete oder es belegte, dass durch das Feuer auch andere Menschen gefährdet werden könnten, wie zum Beispiel die Menschen im Nachbarhaus.
01:24:33: Im Fall von der Brandstiftung in der Geflüchtetenunterkunft war das aber anders.
01:24:37: Da war es nämlich so, dass man dem Täter klar einen bedingten Vorsatz zuweisen konnte, weil er ja wusste, dass noch andere Menschen im Gebäude sind, die, wenn er einfach abhaut, um jemandem davon zu erzählen, dass er gerade seine Wolldecke angezündet hat, dann gefährdet sind.
01:24:52: Genau, also unbeteiligte Dritte, das ist immer das Stichwort.
01:24:55: die drei Geflüchteten, die in der Unterkunft waren hier.
01:24:58: Und das ist bei dem Motmerkmal eben wichtig, dass Menschen gefährdet werden, die eigentlich gar nichts mit der Tat und der Idee dahinter zu tun haben.
01:25:06: Aber
01:25:07: wer unbeteiligt ist und wer nicht, das ist nicht immer so einfach zu sagen.
01:25:11: Und das zeigt einfach ganz gut, und zwar der des sogenannten Supermarkt-Erpressers aus Friedrichshafen, der hatte im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr wurde, weil der versuchte Mord ausgeschlossen wurde, weil er zum einen das nachvollziehbar vor dem Gift gewarnt hatte, weil er wollte ja den Supermarkt erpressen.
01:25:50: Das heißt, er hat ja einiges dafür unternommen, die Gefährlichkeit des Mittels einzugrenzen.
01:25:55: Aber
01:25:55: auch wenn er nicht gewarnt hätte, wissen wir jetzt... Bei diesem vergifteten Babygläschen handelt es sich nicht um ein gefährliches Mittel, wie uns der Bremer Strafrechtsprofessor Dr.
01:26:04: Sören Gerholt erklärt hat.
01:26:06: Er sagt nämlich, dass der Täter in diesem Fall seine potenziellen Opfer individualisiert hat.
01:26:12: Und jemand der Baby-Nahrung vergiftet, müsste nicht damit rechnen, dass unbeteiligte Dritte Schaden nehmen, weil diejenigen, die dadurch gefährdet werden könnten, nämlich offenbar Babys, vom Täter als Opfergruppe klar definiert wurden.
01:26:24: Also wenn zum Beispiel sowohl die Eltern von Baby Tim als auch von Baby Anna eines der vergifteten Gläser kaufen und ihr Kind dann damit füttern, dann besteht eine Gefahr nur für Tim und Anna.
01:26:35: Das heißt, jedes vergiftete Glas ist eben nur gefährlich für das Kind, dass den Inhalt dann letztendlich ist.
01:26:42: Und Laura, die sich jetzt kein Babygläschen kaufen und essen würde, wäre halt nicht gefährdet.
01:26:48: Einglück.
01:26:48: Einglück.
01:26:49: Du ist Babygläschen.
01:26:52: Nein, aber ich kenne tatsächlich welche, die früher Babygläser mit zur Schule genommen haben, weil sie das so lecker fanden, ekelhaft.
01:27:00: Ich finde es logisch in Bezug, wenn man so denkt, darauf okay, ein Baby pro Babyglas ist überschaubar in der Gefährlichkeit.
01:27:10: Aber erstens hast du ja auch gesagt, äh, dann probieren das ja auch mal.
01:27:13: Das heißt, Mutter und Vater könnten halt auch irgendwie davon vorher mal naschen und sind dann auch auf einmal mit in der Opfergruppe.
01:27:20: Und ich finde das auch komisch, dass man sagt, man individualisiert Babys als Opfergruppe, weil dann kann man ja auch sagen, ja, der, der die Geflüchtetenunterkunft in Brand gesteckt hat, da waren ja auch... Geflüchtete drin als Gruppe oder in der Schule.
01:27:34: Da sind ja auch hauptsächlich Schülerinnen und Lehrkräfte drin.
01:27:38: Das ist ja auch eine individualisierte Gruppe.
01:27:41: Nee, aber das ist falsch.
01:27:45: Wir reden jetzt davon, der wollte explizit dann Babys als Opfer.
01:27:50: Und der geflüchtete Typ, der wollte ja nicht explizit jemanden, wie jetzt aus deinem Fall, die eine Person töten, weißt du?
01:27:59: Der wollte ja einfach nur das anzünden.
01:28:01: Ja, aber bei ihm wurde es ja bejaht.
01:28:03: Ja, weil ja dieser zentrale Unterschied ist, dass das Tatmittelfeuer in dem Fall unkontrollierte Ausmaße annehmen und dann ja eine Gefahr für, keine Ahnung, potenziell ganz viele unbeteiligte Dritte darstellen kann
01:28:17: und
01:28:17: das quasi einzelne vergiftete Babyglas als Tatmittel, aber nur eine Gefahr für das einzelne Baby darstellt, weshalb das dann in dem Sinne kontrollierbar ist.
01:28:28: Aber wir fühlen uns jetzt noch mal vor Augen, was das heißt.
01:28:31: Weil, wenn ich billigend in Kauf nehme, das andere unbeteiligte Sterben, weil ich meine Decke anzünde, dann ist das jetzt nur in Bezug auf das Mordmerkmal der gemeingefährlichen Mittel.
01:28:43: Schlimmer in Anführungszeichen, als dass ich explizit Babys ergibt, weil ich dadurch die Opfergruppe individualisiert habe.
01:28:52: Weil in diesem Fall dann ja zumindest das Mordmerkmal nicht bejaht wird.
01:28:57: Und dadurch ... springe ich dem gemeingefährlichen Mittel von der Schippe.
01:29:02: Ja, das stimmt.
01:29:03: Zum Glück gibt es ja auch noch ein paar andere Mordmerkmale, die vielleicht dann greifen könnten, dass man trotzdem da eine angemessene Haftstrafe am Ende stehen hat, weil auch wenn ich jetzt eine Opfergruppe individualisiere und die im Kopf hab, wenn ich heimlich Gift irgendwo reinmische und das keinem sage, nur jetzt anders als dieser Erpresser, dann kann es ja auch sehr gut sein, dass bei dem Mord dann das Mordmerkmal der Heimtücke festgestellt wird.
01:29:27: wo man bei Gift aber generell auch von einem gemeingefährlichen Mittel ausgehen kann, ist, wenn man jetzt Sachen mit Gift versetzt, die Potenzial sehr viele verschiedene Menschen vergiften können.
01:29:37: Wie jetzt zum Beispiel das Grundwasser.
01:29:39: Und da kommt dann eigentlich auch alles zusammen, was das Mordmerkmal, was wir jetzt besprochen haben, voraussetzt.
01:29:45: Und zwar die fehlende Kontrolle, die Gefahr für mehrere sehr viele Personen.
01:29:50: Und natürlich der Vorsatz auf das Gemeingefährliche Mitte.
01:29:53: Weil jemand, der absichtlich das Grundwasser vergiftet, der muss natürlich davon ausgeben, dass nicht nur eine Person gefährdet ist.
01:30:01: Also, vergiftetes Grundwasser ist quasi das Paradebeispiel für das Mordmingmal des Gemeingefährlichen Mittels.
01:30:08: Deswegen gibt es Aaron Brokowicz.
01:30:16: Das war ein Podcast der Partner in Crime.
01:30:18: Hosts und Produktionen, Paulina Graser und Laura Wohlers.
01:30:22: Redaktion, Jennifer Fahrenholz und wir.
01:30:25: Schnitt, Party in der Korb.
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