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Aus dem Archiv: Die Verneigung

Shownotes

Leider mussten wir unsere Winterpause aus persönlichen Gründen um zwei Wochen verlängern. Das tut uns wahnsinnig leid. Um euch ein wenig zu vertrösten, kommt heute dafür eine Folge aus dem Archiv, die uns sehr am Herzen liegt. Regulär geht es hier dann am 04. Februar mit einer neuen, spannenden Folge weiter.

Vor Kurzem jährte sich ein Verbrechen zum 14. Mal, das mehr Leben gekostet hat als die meisten Straftaten, die hier im Podcast bisher erzählt wurden. Die Beteiligten haben für das Verbrechen keine Messer, keine Pistolen oder andere Waffen benutzt. Zu dieser Tat hat vielmehr ihre Überheblichkeit und fehlendes Verantwortungsgefühl geführt. In dieser Folge “Mordlust - Verbrechen und ihre Hintergründe” besprechen Laura und Paulina den Fall der Costa Concordia - eines der größten Schiffsunglücke unserer Zeit.

Matthias und Marcel sitzen in der Bar des Kreuzfahrtschiffes, das sie sieben Tage auf eine mediterrane Rundreise geschickt hat und ihr schwimmendes Zuhause war. Morgen geht es wieder von Bord, weshalb sie an diesem Abend ihren Urlaub nochmal Revue passieren lassen wollen. Als der 38-jährige Matthias für weitere Drinks sorgen will, wird der Ozeanriese plötzlich von einem heftigen Schlag erschüttert. Kurze Zeit später heißt es über die Lautsprecher, es handele sich um einen Stromausfall. Matthias und Marcel sind nicht überzeugt. Sie machen sich auf den Weg nach draußen, um nachzuschauen, was los ist. Große Luftblasen steigen um das Kreuzfahrtschiff herum auf. Kein gutes Zeichen. Während an Bord langsam Panik ausbricht, versuchen die zwei Freunde Platz auf einem Rettungsboot zu ergattern. Vergebens. Wenig später sind sie im Inneren des Schiffs gefangen, während die Costa Concordia langsam mit Wasser vollläuft.

32 Tote, etliche Verletzte und daran soll allein der Kapitän schuld sein. Bis heute steht die Frage im Raum, ob wirklich alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen wurden. In dieser Folge schildern wir, wie es zu der Katastrophe kommen konnte, warum die Evakuierung so lange gedauert hat und sprechen mit Menschen, die dabei waren, als das Schiff, was sie für unsinkbar hielten, langsam vom Meer verschluckt wurde.

Credit Produzentinnen/Hosts: Paulina Krasa, Laura Wohlers Recherche: Paulina Krasa, Laura Wohlers, Vera Grün Schnitt: Pauline Korb

Shownotes

Sky Dokumentation: Costa Concordia – Chronik einer Katastrophe

Das Funk-Protokoll

Fall

Bild: Vor 10 Jahren sank die “Costa Concordia”

MZ: “Costa Concordia”

Spiegel: Überlebende des “Costa”-Unglücks

Die Story: Costa Concordia Die ganze Geschichte Lügen, Versagen, Leid

SWR Nachtcafé: Wenn der Traum zum Albtraum wird

Sueddeutsche: Albtraum in Endlosschleife

FAZ: Costa-Concordia-Unglück

FAZ: Costa-Concordia-Doku bei Sky

Prozess

Sueddeutsche: Costa-Concordia-Kapitän verurteilt

Sueddeutsche: "Costa Concordia"-Prozess

Spiegel: "Costa Concordia"-Urteil bestätigt

Spiegel: Urteil im “Costa-Concordia”-Prozess

Stern: Prozess um Costa-Concordia-Unglück

Welt: Prozess gegen Kapitän Schettino ost großes Theater

Spiegel: Der hilfsbereite Capitano

ARD MM: Costa Concordia-Prozess

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Transkript anzeigen

00:00:00: Ja, Laura, das ist jetzt ein großer Fail.

00:00:04: Und ein Dauner auch.

00:00:06: Ich trau mich gar nicht was zu sagen jetzt.

00:00:08: Okay, ich fange an.

00:00:11: Also eigentlich wollten wir heute so richtig offiziell aus der Winterpause zurück sein mit einer neuen Folge.

00:00:17: Und das hat jetzt zum ersten Mal nach siebeneinhalb Jahren Mordlos nicht geklappt.

00:00:23: Also dass wir einhalten, was wir versprochen haben.

00:00:26: Genau.

00:00:27: dass wir eine Deadline gerissen haben.

00:00:30: Genau.

00:00:30: Und der Grund ist folgender.

00:00:32: Also nicht, dass euch jetzt das Herz stehen bleibt, weil wir ja auch noch eine Baustelle mit Lauras Gesundheit haben.

00:00:38: Das hier hat jetzt andere Gründe, die aber auch damit zu tun haben.

00:00:43: Und zwar ist es einfach so, dass wir durch Lauras Erkrankungen... auch ein paar Einschränkungen haben, sich unsere Arbeit verändert hat und es ist einfach so, dass die letzten eineinhalb Jahre uns richtig hart an unsere Belastungsgrenze gebracht haben.

00:01:00: Und während ich das ausspreche, kommt mir ein kleiner Ekelschauer, denn wir mögen das eigentlich nicht so gerne, wenn Leute, die sich offenbar ja selber ihren Job ausgesucht haben, sich darüber beschweren in der Öffentlichkeit, dass sie so verarbeiten, vor allem wenn sie in so einer privilegierten Position sind wie wir.

00:01:19: Das Problem ist schon Haus gemacht, ist uns klar, aber es ist einfach so, dass sich das jetzt gerade mental bemerkbar gemacht hat.

00:01:27: Ja.

00:01:28: was ja auch irgendwie, sag ich jetzt mal, zu erwarten war, nach einem halben Jahr unter diesen Umständen jetzt zu arbeiten.

00:01:36: Und es ist auch nicht so, dass wir jetzt vollkommen sehenden Auges in den Abgrund gelaufen sind.

00:01:41: Wir haben uns jetzt auch schon gekümmert, dass wir Hilfe bekommen.

00:01:44: Aber wie das dann oft so ist, holt man sich das dann doch zu spät.

00:01:49: Und diesmal hat es jetzt nicht ganz hingehauen, dass der, sag ich jetzt mal, metaphorische Rettungswagen rechtzeitig gekommen ist.

00:01:55: Genau.

00:01:56: Deswegen... So ehrlich kann man hier sein, mentaler Absturz gerade, aber wir kümmern uns auch gut um uns, also keine Sorge.

00:02:05: Und wir kümmern uns vor allem auch gut um euch.

00:02:07: Und wir müssen jetzt leider sagen, dass wir noch zwei Wochen warten müssen mit der Veröffentlichung einer neuen Folge.

00:02:13: Aber wir sind im Hintergrund auch weiter dabei zu produzieren und so.

00:02:17: Es dauert nur gerade einfach ein bisschen länger.

00:02:19: Und das tut uns wahnsinnig leid, weil, wie gesagt, eigentlich halten wir wirklich immer unsere Versprechen ein und... Das war auch immer so, wir haben wirklich immer alles versucht, um immer pünktlich für euch rauszukommen.

00:02:31: Und da gab es Situationen, die glaube ich selber nicht, wenn ich nicht wüsste, dass wir sie durchgezogen haben, also wo schon überall aufgenommen wurde, zum Beispiel ja auch im Krankenhaus vom Krankenhausbett aus.

00:02:43: Ja und auch in Zuständen, also vor ungefähr anderthalb Jahren nach einer Operation wirklich so mit Zentimeter Schritten noch zum Schreibtisch geschleppt, dann ins Mikro gesprochen.

00:02:57: Ich habe mal, das darf ich eigentlich gar nicht sagen, aber am Sterbebett einer Person eine Folge geschnitten.

00:03:04: Das ist schon lange her und dieser Sterbeprozess hat auch sehr lange gedauert, deswegen ich konnte nicht die ganze Zeit da sitzen und nichts machen.

00:03:11: Aber Ja, ich finde, das spricht ja dafür, dass wir unseren Job lieben und dass wir auch ein ungesundes Maß an Ärgels haben.

00:03:18: Das hat jetzt diesmal leider nichts geholfen.

00:03:21: Deswegen müsst ihr euch jetzt leider noch ein bisschen gedulden.

00:03:24: Aber wir haben uns was ausgedacht, damit ihr zumindest nicht ganz unbeschalt bleibt heute.

00:03:29: Genau.

00:03:30: Wir haben tief in unserem Archiv gegraben nach zwei Folgen, die uns sehr in Erinnerung geblieben sind und die, unserer Meinung nach, noch mehr Aufmerksamkeit verdienen.

00:03:40: Beide Episoden liegen schon eine ganze Weile zurück, dass die hoffentlich für die, die Mortus erst mal kurz im Entdeckt haben, komplett neues Futter sind und für unsere langjährigen Hörerinnen so weit zurückliegen, dass sie sich an die meisten Details nicht mehr so erinnern.

00:03:54: Genau, starten werden wir heute mit der Costa Concordia.

00:03:56: Das ist bis heute eine unserer absoluten Lieblingsfolgen und das Verbrechen hat sich auch gerade zum vierzehnten Mal gejährt.

00:04:04: Dieser Fall hat uns bei der Recherche komplett mitgenommen.

00:04:07: auch weil es kein typischer True Crime Fall ist, obwohl es ein absoluter True Crime Fall ist.

00:04:12: Auch sehr gut daran gefallen hat uns, dass wir zwei Erzählstrengen von Betroffenen Opfern haben.

00:04:18: Mit beiden Seiten hatten wir auch Kontakt.

00:04:21: Und das ist uns einfach wahnsinnig hängen geblieben, was die da in dieser Nacht erlebt haben.

00:04:25: Ja, es ist eine unfassbare Geschichte, die unfassbare Bilder im Kopf aufmacht.

00:04:30: Und wir haben die Folge ja jetzt auch noch mal gehört, bevor wir sie ausgesucht haben.

00:04:34: Und selbst wenn man sie schon kennt, lohnt es sich, sie nochmal zu hören.

00:04:38: Ich habe auf jeden Fall richtig geholt.

00:04:42: Also wir hoffen, dass ihr nicht allzu enttäuscht seid und die unerwartete Verlängerung unserer Winterpause jetzt so ganz gut überbrücken könnt, also mit zwei Folgen aus dem Archiv, diese Woche eine und nächste Woche eine.

00:04:54: Und wir freuen uns dann schon unglaublich, am vierten Februar endlich, endlich, endlich ganz offiziell mit euch und einer neuen Folge ins neue Jahr zu starten.

00:05:06: So, jetzt kommt hier unsere Folge aus dem Archiv aus dem Januar.

00:05:21: Und damit herzlich willkommen zu Mordlust, ein Podcast der Partner in Crime.

00:05:24: Wir reden hier über Verbrechen und ihre Hintergründe.

00:05:27: Mein Name ist Paulina Kraser.

00:05:28: Und ich bin Laura Wohlers.

00:05:30: Auch im neuen Jahr wird es in den meisten Folgen ein Oberthema geben und zwei Kriminalfälle, die wir nach erzählen.

00:05:36: Wir werden auch darüber diskutieren und mit Menschen mit Expertise sprechen.

00:05:40: In diesem Podcast geht's um True Crime, also auch um Schicksale von Menschen.

00:05:44: Das überhaltet das immer im Hinterkopf.

00:05:46: Das machen wir auch, selbst dann, wenn wir zwischendurch auch mal etwas ungehemmter kommentieren.

00:05:52: Das ist für uns so eine Art Comic-Relief, aber natürlich nicht despektilig gemeint.

00:05:56: In ein paar Tagen, genauer am dreizehnten Januar, hat sich ein Verbrechen zum elften Mal das mehr Leben gekostet hat als die meisten Straftaten, die wir hier im Podcast erzählen.

00:06:06: Und diese Geschichte, von der wir gleich erzählen, die ist schon ... allein wegen der hohen Opferzahl, recht außergewöhnlich, aber auch weil die Frage im Raum steht, ob bis heute wirklich alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen wurden.

00:06:21: Und weil uns wichtig ist, der Geschichte und ihren Opfern genügend Raum zu bieten, fangen wir das neue Jahr mit einem Spezial an und widmen uns gemeinsam in dieser Folge ausnahmesweise nur einem Fall.

00:06:32: Einigen Namen haben wir geändert.

00:06:35: Das Geräusch von Kofferrollen, die hektisch über den Asphalt gezogen werden, halbt durch den Hafen der norditalienischen Stadt Savona.

00:06:42: Seiziger Mergeruch steigt den Menschen in die Nase, die am späten Nachmittag des siebten Januar, zw.

00:06:47: zw.

00:06:48: Erwartungsvoll am Anlegesteg stehen.

00:06:51: Vor ihnen ragt ein riesiger weißer Stahlkoloss aus dem Wasser.

00:06:55: Ein Schiff, so hoch wie ein elfstöckiges Hochhaus und fast dreihundert Meter lang.

00:07:00: Neben dem riesigen Kreuzfahrtschiff wirken die Wartenden ganz klein.

00:07:05: Wie kleine Perlen einer Kette, stehen sie aufgereilt vor der Gangway und halten ihre Tickets in der Hand.

00:07:11: Wenn man genauer hinsieht, kann man unter den Wartenden Gesichter ausmachen.

00:07:15: Eins ist rund und wird von einer dicken schwarzen, äckigen Brille eingerahmt.

00:07:20: Es gehört Matthias.

00:07:22: Der thirty-jährige Mann mit Glatze steht direkt neben seinem Kumpel Marcel, der genauso wenig Haare auf dem Kopf trägt wie er.

00:07:29: Marcel ist vier Jahre älter als Matthias und hat ein freundliches Gesicht mit silberner Brille und kleinem senkrechten Badstreifen auf dem Kinn.

00:07:37: Die beiden Justizbeamten aus Leipzig haben sich vor ein paar Jahren bei einem Fortbildungsseminar kennengelernt und seitdem geht es immer mal wieder gemeinsam auf Männer-Tour ohne Frauen und Kinder.

00:07:47: So wie jetzt auf Kreuzfahrt.

00:07:49: Für knapp vierhundert Euro haben die beiden die einwöchige Mittelmeerreise mit dem Namen Profumo di Agrumi, was so viel wie Duft der Zitrusfrüchte bedeutet, gebucht.

00:07:59: Sieben europäische Städte in sieben Tagen.

00:08:01: Von Savona aus nach Marseille, dann weiter nach Barcelona, Palma de Mallorca, Caliari, Palermo und Civita Vecchia.

00:08:10: Als sich die Schlange vor ihnen langsam in Bewegung setzt, steigt bei Matthias und Marcel die Vorfreude.

00:08:14: Welcome on board, ruft einen Crewmitglied, während sie die Zugangsbrücke passieren.

00:08:19: Und mit dem ersten Schritt ins Innere des Schiffes eröffnet sich den zwei Freunden ein Tor in eine andere Welt.

00:08:25: Wie Matthias es uns beschreibt.

00:08:28: Ja, und dann, wir kommen dort rein und alles ist prunkvoll, alles ist wahnsinn hell, alles klänzt, alles klitzert.

00:08:36: Die Leute sind freundlich, also wir werden dort empfangen, wie, ja, also, als ob man was Besonderes ist.

00:08:44: Ein Reich voller Luxus und Opulenz liegt vor ihnen.

00:08:47: Siebzehn Decks, die mit überdimensionalen Kronleuchtern, weitläufigen Brücken, schwerem Holz und viel Gold geschmückt sind.

00:08:55: Die Treppenstufen sind mit aufwendigen Mosaiken verziert und überall leuchten bunte Lichter.

00:09:00: Matthias und Marcel sind beeindruckt und kommen aus dem Staun auch nicht heraus, als es mit einem gläsernen Fahrstuhl auf Deck Acht geht.

00:09:07: Ein schmaler langer Gang führt sie zu einer der ´thausendfünfhundert Kabinen an Bord.

00:09:11: Acht drei Null Fünf steht an der weißen Tür.

00:09:15: Die Außenkabine der Männer hat sechzehn Quadratmeter, Fernseher, Minibar, Klimaanlage, vierundzwanzig Stunden Room Service und einen Balkon.

00:09:22: Den haben sie sich extra noch dazu gebucht.

00:09:26: Nachdem die zwei ihr Gepäck abgelegt haben, wird das Schiff erkundet.

00:09:29: Denn auf Matthias und Marcel warten sechstausend Quadratmeter Wellness-Bereich, dreizehn Wars, verschiedene Discos, fünf Restaurants, ein vier D-Kino, ein Casino, ein Formel I Simulator und ein Theater mit mehreren Bühnen.

00:09:43: Also irre!

00:09:44: Ich war ja auch einmal auf einem Kreuzfahrtschiff und habe mich wirklich gefühlt, als wäre das eine kleine Stadt.

00:09:50: Ich kann mir das ehrlich gesagt überhaupt nicht vorstellen.

00:09:53: Also wie will man sich da dann auch zurechtfinden, weißt du, was ich meine?

00:09:57: Gar nicht, tust du nicht.

00:09:59: Man verläuft sich die ganze Zeit.

00:10:02: Ja, und dann macht sich der fünftigtausendtonnenschwere schwimmende Tempel des Vergnügens, der jetzt mit über viertausendzweihundert Menschen an Bord beladen ist, auf zum ersten Etappenziel.

00:10:13: Im Theater Athene werden gerade die Scheinwerfer angeschmissen.

00:10:17: Nach und nach füllen sich die Sitzplätze, die über zwei Stockwerke im Halbkreis rund um die Bühne aufgebaut sind.

00:10:24: In einer Reihe mit gutem Blick auf die Bühne lassen sich Angelika und Gaby auf die orange-bräunen Holz da plumpsen.

00:10:30: Die zwei Frauen aus Bayern sind beste Freundinnen.

00:10:33: Beide tragen kurz Haarschnitt, Angelika in Blond, Gabi in Brünett.

00:10:37: Die beiden kennen sich schon seit zwölf Jahren und mit der Zeit sind sie zu einem eingespielten Team herangewachsen.

00:10:43: Beide sind alleinstehend, aber während die siebenundfünfzigjährige Angelika eine Tochter und ein Enkelkind hat, die zu Hause auf sie warten, hat die zweiundfünfzigjährige Gabi kaum Angehörige mehr.

00:10:54: Nur noch ihr Bruder lebt, allerdings in Hamburg, was regelmäßige Besuche schwer macht.

00:10:59: Deswegen freut sich Gabi immer, wenn Angelika und sie was zusammen unternehmen.

00:11:02: Es muss auch nicht immer eine Reise sein, Hauptsache, die beiden verbringen Zeit miteinander.

00:11:07: Umso glücklicher sind sie, dass sie jetzt hier sitzen, inmitten der vielen Leute, die in den unterschiedlichsten Sprachen sprechen und allmählich verstummen, als die Eröffnungszeremonie beginnt, die die neuen Gästinnen an Bord begrüßen soll.

00:11:19: In eleganter Abendgartrube stehen die Männer und eine Frau auf der Bühne und strahlen dem Publikum entgegen.

00:11:25: Einer von ihnen greift zu dem Mikrofon.

00:11:27: Wir danken ihnen, dass sie die Costa Concordia für ihre Reise gewählt haben.

00:11:31: Wir wünschen ihnen eine glückliche und unbeschwerte Kreuzfahrt, sagt der Mann auf Italienisch.

00:11:37: Dann nehmen alle ihre Sektgläser in die Hand, halten sie demonstrativ in die Höhe und prosten dem Publikum zu.

00:11:42: Beifall.

00:11:43: Dann wird der Mann in der Mitte der Crew vorgestellt.

00:11:46: Sein Gesicht ist von der Sonne braun gebrannt, sein volles H-Welt sich leicht.

00:11:50: Es ist dunkel, im Gegensatz zu seinen Augen, die blau strahlen.

00:11:54: Wir begrüßen Sie Kapitän Francesco Scatino, ruft eine Stimme.

00:11:59: Einige erheben sich aus ihren Stühlen, um einen besseren Blick auf den Mann herraschen zu können, der jetzt über den Gang in der Mitte des Theaters schreitet, sich kurz feiern lässt und dann mit den Offizierinnen im Schlepptau von dann zieht.

00:12:11: Es ist ein schöner, ernster Abend und Angelika und Gabi freuen sich, dass noch viele weitere folgen werden.

00:12:18: In den darauffolgenden Tagen lassen die beiden Freundinnen es sich richtig gut gehen.

00:12:22: Sie entspannen sich an Deck, erkunden bei den Tagesausflügen die mediterranen Städte und lassen sich abends kulinarisch verwöhnen.

00:12:29: Am Montag Barcelona, Dienstag Palma, Mittwoch Kaliari und am Donnerstag Palermo.

00:12:34: Wann bekommt man schon so viel zu Gesicht innerhalb von wenigen Tagen?

00:12:39: Kein Wunder, dass die Zeit wie im Flug vergeht.

00:12:42: Am Freitag legt die Costa Concordia am Hafen von Civita Vecchan.

00:12:46: die letzte Station für Angelika und Gabi, bevor das Schiff wieder Savona ansteuert und die beiden Freundinnen ihre Reise beenden müssen.

00:12:54: Ihren letzten Tag wollen die zwei aber noch in vollen Zügen auskosten und machen sich deshalb auf in die etwa siebzig Kilometer entfernte Hauptstadt Rom.

00:13:02: Auf den Spuren der römischen Antike schlendern sie durch die kleinen Gassen und staunen über die Häuserfassaden, die hier so ganz anders aussehen, als in ihren kleinen Heimatdörfern in der Nähe von Nürnberg.

00:13:14: Sechs Stunden lang huschen sie von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit.

00:13:17: Es ist schon etwas kühl, als die beiden nach ihrem Ausflug zurück über die Gangway an Bord gehen.

00:13:22: Danach machen sie sich auf zu ihrer Kabine, wo jetzt erstmal Kofferpacken ansteht, bevor sie zum Abendessen aufbrechen.

00:13:29: Pünktlich um neunzehn Uhr legt die Costa Concordia in Cevita weg hier ab.

00:13:33: Angelica und Gabi stehen oben an der Rehling und beobachten, wie sich das Schiff seinen Weg durch das Wasser bahnt.

00:13:39: Beide sind erschöpft.

00:13:41: Der eignisreiche lange Tag und die stundenlang Fußmärsche haben sie geschafft.

00:13:45: Trotzdem stehen Angelica und Gabi überglücklich an Deck, froh, den Tag ganz ausgekostet zu haben.

00:13:51: Sie sind dankbar, dass sie so eine Reise erleben durften.

00:13:54: Zur Feier des Tages wollen sich die beiden heute unbedingt einen Cocktail gönnen.

00:13:58: Darauf hatten sie schon die ganze Zeit Lust, doch die Drinks am Bord sind teuer, deswegen haben sie sich diese Besonderheit bis zum Schluss aufgehoben.

00:14:05: Während die Costa Concordia Kurs auf ihre Endstation nimmt und das Schiff sich der kleinen Insel Geleonert, nehmen die ersten Passagierinnen schon ihr Abendessen in den verschiedenen Restaurants des Schiffs zu sich.

00:14:16: Unter ihm tendiert auch ein Paar, dass die Blicke der umliegenden Tische auf sich zieht.

00:14:20: Es ist Kapitän Skatino, der gerade die Aufmerksamkeit seiner Begleitung genießt.

00:14:25: Eine charmante junge Dame im Abendkleid.

00:14:27: Der Kapitän und die Blondine mit dem kurzen Bob werfen sich romantische Blicke zu.

00:14:32: Sie ist sehr für Jünger und nicht die Frau, mit der er verheiratet ist und zwar Kinder hat.

00:14:37: Der offensichtliche Betrug scheint dem einundfünfzigjährigen Kapitän nichts auszumachen und so tauschen die beiden auch in aller Öffentlichkeit.

00:14:45: Zärtlichkeiten aus.

00:14:47: Das suntavte Date wird plötzlich unterbrochen, von einem Mann, der an den Tisch tritt.

00:14:51: Es ist Oberkellner Antonello.

00:14:53: Scatino kennt ihn.

00:14:54: Eigentlich hatte er gerade Urlaub, ist aber für einen kranken Kollegen auf der Costa Concordia eingesprungen.

00:15:00: Scatino verspricht, ihm dafür an diesem Abend einen Gefallen zu tun.

00:15:03: Während der Kapitän sich wieder seiner bezaubernden Begleitung zuwendet, ruft Oberkellner Antonello daraufhin seine Schwester an, um ihr von der bevorstehenden Überraschung zu erzählen.

00:15:13: Was für eine Überraschung das ist, werden an diesem Abend noch alle Passagierinnen schmerzlich erfahren müssen.

00:15:21: Gegen

00:15:21: halb zehn an diesem Abend sitzen Matthias und Marcel in der großen Bar auf Deck vier.

00:15:27: Die Männer stoßen auf ihren letzten Abend an, gemeinsam mit ihren Kabinennachbarin, mit denen sie sich gleich von Beginn der Reise an Super verstanden haben.

00:15:35: Die vier lassen ihren Urlaub jetzt noch mal Revue passieren, Plaudern und Schmelgen in Erinnerung.

00:15:40: Als die Gläser vor ihnen schließlich leer sind, steht Matthias auf und bahn sich seinen Weg zur Theke, um Nachschub zu holen.

00:15:46: Doch als der

00:15:46: Achtendreißjährige an seinem Ziel ankommt, donnaht plötzlich ein lauter Dummverknall durch die Bar und im nächsten Moment beginnt sich der Boden unter Matthias zu einer Seite zu neigen.

00:15:57: Sämtliche Getränke, sämtliche Gläser kommen ins Rutschen, fallen von den Tischen.

00:16:02: Die Leute werden panisch, die Leute stehen auf und fragen sich, was passiert hier gerade.

00:16:07: Und in dem Moment gehe ich dann auch wieder zu unserem Tisch und sage hier ist irgendwas am Gange.

00:16:13: Ich weiß nicht, was hier passiert, aber hier ist irgendwas.

00:16:16: Nur wenige Augenblicke zuvor sitzen Angelika und Gabi wie am ersten Abend ihrer Rundreise im Theater.

00:16:22: Die Koffer haben sie fertig geparkt.

00:16:24: Alles ist bereit, um morgen früh von Bord zu gehen.

00:16:27: Am letzten Abend wollen sich die beiden Frauen verzaubern lassen.

00:16:30: Gespann, gucken Angelika und Gabi damit zu, wie ein Magier seine Assistentin in Luft auflöst, als die beiden Freundinnen plötzlich ein Knirschen hören und die Sitze unter ihnen anfangen zu beben.

00:16:40: Nervöses Gemome schwadert durch das Publikum.

00:16:43: Gabi guckt verunsichert in Angelikas Richtung.

00:16:46: Diese Vibration, fragt Gabi, gehört das auch zur Zaubershow?

00:16:50: Angelika weiß darauf keine richtige Antwort.

00:16:53: Da müsste ja unter jedem Sitz ein Motor stecken.

00:16:56: Kurze Zeit später beginnt das Licht im Theater zu flackern und, ähnlich wie seine Assistentin, verschwindet jetzt auch der Magier selbst von der Bühne.

00:17:04: Allerdings rennt er.

00:17:06: Danach ist komplette Dunkelheit.

00:17:08: Spätestens jetzt merkt das Publikum, dass hier etwas nicht stimmt.

00:17:11: Kinder schreien und die Ersten verlassen den Saal.

00:17:14: Auch Angelika und Gabi stehen auf und machen sich auf den Weg zurück in ihre Kabine.

00:17:19: Doch auch in der gibt es kein Licht.

00:17:21: Offenbar gibt es keine Strom mehr.

00:17:23: Das beunruhigt sie.

00:17:25: In der Bar auf Deck vier wollen Matthias und Marcel nachschauen, was es mit dem Knall auf sich hat.

00:17:30: Sie laufen kurz entschlossen nach draußen und werfen einen Blick über die Rehlinge.

00:17:33: Ihr Blick geht nach unten, doch dort ist nur das dunkle Meer zu sehen.

00:17:37: Von hier können sie nichts erkennen, also machen sie sich auf zu ihrer Kabine, die höher liegt.

00:17:42: Vielleicht haben sie dort mehr Glück.

00:17:43: Stufe für Stufe erklimmen Matthias und Marcel einen Deck nach dem anderen, als es auf einmal Stock finster um die beiden wird.

00:17:51: Wie aus dem Nichts verwandelt sich das hell erleuchtete Schiff in ein pech-schwarzes Loch.

00:17:55: Perplex bleiben die Freunde stehen.

00:17:57: Von irgendwo her können Matthias und Marcel panische Schreie vernehmen, Menschen, die in der Dunkelheit gestürzt sind.

00:18:03: Angst und Schrecken machen sich auf den dunklen Korridoren des Schiffes breit.

00:18:07: Zehn, zwanzig Sekunden vergehen, dann springt das Licht wieder an.

00:18:11: Im nächsten Moment dröhnt die Stimme eines Crew-Mitglieds über die Lautsprecheranlage.

00:18:15: Meine sehr geehrten Damen und Herren Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit.

00:18:19: Wegen technischen Problemen haben wir gerade einen Blackout.

00:18:23: Es besteht kein Grund zur Panik.

00:18:24: Bitte bleiben Sie ruhig.

00:18:26: Unsere Techniker arbeiten schon daran, das Problem zu lösen.

00:18:29: Vielen Dank.

00:18:30: Ein Stromausfall.

00:18:31: Das beruhigt Mathias und Marcel, die sich jetzt wieder in Bewegung setzen.

00:18:35: Immer weiter Richtung Deck Acht.

00:18:38: Wir sind auf unsere Kabine angekommen und gehen schnurstrax eigentlich auf dem Balkon.

00:18:43: Dann gucken wir runter.

00:18:45: Weil von oben sieht man ja ein bisschen mehr als unten in der Ebene Vier, wo wir in der Bar gesessen haben.

00:18:51: Und plötzlich sehe ich da Strudel.

00:18:53: Die Luftblasen, die da rauskommen, die irritieren mich

00:18:56: irgendwo.

00:18:57: Und das sage ich auch Marcel so, dass sie irgendwas am Laufen ist und die uns bestimmt nicht die Wahrheit sagen.

00:19:05: Die Luftblasen, die um das Schiff blubben und die Schieflage verwirren Matthias.

00:19:09: Zu einem Blackout passt das eigentlich nicht.

00:19:11: Panisch werden die beiden Männer aber nicht.

00:19:13: Sie sind sich sicher, das Schiff ist unsinkbar.

00:19:17: Deswegen nehmen die beiden auch ihre Rettungswesten aus der Kabine nicht mit.

00:19:21: Aber so sicher wie Matthias und Marcel sind sich viele andere Gästinnen offenbar nicht mehr.

00:19:26: Das wird den Freunden klar, als sie sich zurück auf den Weg zur Bar auf Deck vier machen.

00:19:31: So kommen ihnen ganze Trauben an Menschen entgegen, die bereits ihre Rettungswesten angelegt haben.

00:19:36: Einige von ihnen sind total aufgelöst und panisch.

00:19:39: Matthias und Marcel sehen, wie sie auf Deck vier nach draußen strömen, dahin, wo sich die Notfall-Sammelpunkte und die Rettungsboote befinden.

00:19:46: Die Männer folgen den Menschenmassen und können ihren Augen nicht trauen.

00:19:50: Die Leute drängeln, drücken, schupsen und nehmen keine Rücksicht auf die Kinder, die zwischen ihnen stehen und vor Angst weinen.

00:19:57: Sie brüllen sich an und reisen sich gegenseitig die Schwimmwesten aus der Hand.

00:20:01: Um circa zwanzig Uhr fünfzehn, etwa eine halbe Stunde nachdem der große Knall die Costa Concordia erschüttert hat, versucht man von der Küstenwache in Livorno, einer Hafenstadt in der Tuscana aus, die Verantwortlichen auf der Costa Concordia zu erreichen.

00:20:15: Concordia, alles okay?

00:20:17: Positiv, antwortet eine Männerstimme per Funk.

00:20:20: Wir haben einen Stromausfall, erklärt der Mann.

00:20:23: Man sei bereits dabei, die Ursache zu überprüfen und sicher das Problem bei lösen zu können.

00:20:28: Die Küstenwache funkt zurück, dass sie von einer Tochter einer Passagierin kontaktiert wurden, die berichtet hat, dass man an Bord des Kreuzfahrtschiffs angewiesen wurde, Rettungswesten anzulegen.

00:20:39: Es sei nur ein Stromausfall, betont der Mann nochmal.

00:20:43: Angelika und Gabi wollen ihre Kabine wieder verlassen.

00:20:46: Auf dem Flur kommt ihnen ein Angestellter des Schiffs entgegen.

00:20:49: Er sagt ihnen, sie sollen sich zu den Sammelstationen begeben.

00:20:52: Das beunruhigt Angelika und Gabi noch mehr.

00:20:55: Ob sie den Rettungswesten brauchen, wollen sie wissen.

00:20:58: der Stuart bejaht.

00:20:59: Also schnappen sich die beiden ihre Westen, schneiden sie sich um und machen sich auf den Weg nach Deck vier.

00:21:04: Im Laufschritt geht es für die beiden jetzt Richtung Ziel.

00:21:07: Doch die Gänge sind voller Menschen und genau vor der Treppe, die sie zu ihrem Sammelplatz bringen soll, staut es sich.

00:21:14: Nichts geht voran.

00:21:16: Dazu kommt noch, dass das Schiff langsam immer mehr an Schlagseite gewinnt.

00:21:19: Das macht es schwierig, das Gleichgewicht zu halten.

00:21:21: Die Backbordseite, auf der sie sich befinden, ragt immer höher auf, während die andere Seite immer weiter absenkt.

00:21:27: Aber warum ist das so?

00:21:29: Niemand vom Personal verliert auch nur ein Wort darüber, was hier eigentlich gerade vor sich geht.

00:21:33: Die einzige Information, die Sie von den Crewmitgliedern, die Ihnen über den Weg laufen und durch die Lautsprecher hören, ist immer wieder alles sei unter Kontrolle.

00:21:41: Gehen Sie zurück auf die Kabinen oder ins innere des Schiffs.

00:21:45: Im Moment besteht noch keine Gefahr.

00:21:47: Doch das, was Ihnen immer wieder gesagt wird, passt nicht zu dem Bild, was Angelika und Gabi vor sich sehen.

00:21:52: Dicht an dicht stehen die Passagierinnen auf den Gängen, während sich das Schiff weiter neigt.

00:21:57: Sieht so keine Gefahr aus?

00:22:00: Um zwanzig Uhr, sechsundzwanzig meldet sich dann wieder die Küstenwache bei der Costa Concordia.

00:22:05: Sie will wissen, was genau los ist.

00:22:07: Kapitän Skatino meldet nun, dass das Schiff ein Lack auf der Backbordseite habe und schwankend weiterfahre.

00:22:14: Verletzte oder Tote gebe es nicht.

00:22:16: Evakuieren müsste man auch nicht.

00:22:18: Man brauche lediglich einen Schlepper, so der Kapitän.

00:22:22: Der Leiter der Küstenwache, Gregorio de Falco, entscheidet sich vorsätzlich zahlbar, trotzdem dazu alle umliegenden Boote zu alarmieren und zur Costa Concordia zu schicken.

00:22:31: Ein Patrouillenboot der Polizei sieht, dass das Kreuzfahrtschiff bereits deutlich Schlagseite hat und ein Wendemann überfährt.

00:22:37: Um zwanzig Uhr vierundvierzig schlägt das Patrouillenboot dann Alarm.

00:22:41: Die Costa Concordia ist gekenntert.

00:22:44: Es ist kurz vor elf, als die Alarmserien der Costa Concordia beginnen aufzuheulen.

00:22:48: Das Evakuierungssignal.

00:22:50: Sehr geehrte Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit.

00:22:53: Wir müssen Sie bitten, Ruhe zu bewahren, sich mit Ihren Rettungswesten zu den Sammelstationen auf Deck vier zu begeben und den Anweisungen des Personals zu folgen.

00:23:01: Ich wiederhole, begeben Sie sich zu den Sammelstationen auf Deck vier.

00:23:05: Halt es aus den Lautsprecheranlagen.

00:23:08: Mit dieser Ansage bricht Angst aus.

00:23:10: Offenbar hatte die Aussage, dass alles unter Kontrolle seid, noch einige Leute zurückgehalten in völlige Panik zu verfallen.

00:23:16: Jetzt aber schieben und schubsen sich die Menschen in den Gängen umher.

00:23:20: Und mitten drin Angelika und Gabi.

00:23:22: Ihre Rettungswesten machen es ihnen nicht einfacher, sich zu bewegen.

00:23:25: Mit aller Kraft schaffen sie es aber doch irgendwie, sich durch die Menge zu quetschen und erreichen endlich Deck vier und die Rettungsboote.

00:23:34: Sie sind zum Meer henseitlich an der Decke befestigt und müssen von der Crew zu Wasser gelassen werden.

00:23:39: In der Schieflage gestaltet sich das allerdings schwierig und einen Platz zu ergattern ist Shia ein Ding der Unmöglichkeit.

00:23:45: Denn die Evakuierung folgt keiner vorgegebenen Reihenfolge.

00:23:49: Hier geht offenbar der Grundsatz First Come, First Serve.

00:23:52: In ihrer Angst zurückgelassen zu werden, rennen die Menschen nämlich von links nach rechts.

00:23:56: Einige schlagen sich sogar um Plätze.

00:23:59: Andere springen in bereits volle Boote.

00:24:01: In der Hoffnung, irgendwo auf friedlicher Art noch einen Platz zu ergattern, laufen Angelika und Gabi unruhig von Rettungsboot zu Rettungsboot.

00:24:08: Doch andere sind schneller.

00:24:09: Zu schnell für Angelika und Gabi.

00:24:12: Und so lautet die Antwort, die die beiden Freundinnen vor jedem Boot erhalten.

00:24:15: Voll, voll, voll.

00:24:17: Sie sind schon fast am Ende des Schiffs angekommen, um für ein Rettungsboot anzustehen, als Crewmitglieder einige Menschen im Rollstuhl nach vorne schieben.

00:24:24: Angelika und Gabi gehen zur Seite, lassen sie vor und geben damit ihre letzte Chance auf einen Platz auf.

00:24:29: Vor ihnen wird ein Rettungsboot nach dem anderen ins Wasser gelassen und fährt davon.

00:24:33: Die beiden Freundinnen schauen verzweifelt hinterher.

00:24:36: Da kommt Gabi eine Idee.

00:24:38: Sollen wir springen?

00:24:39: fragt sie.

00:24:40: Angelika schüttet den Kopf.

00:24:42: Das Schiff liegt schon zu schief.

00:24:44: Dann knallen wir auf Deck drei.

00:24:46: Angst steigt in Gabi auf.

00:24:48: Verspricht, wir bleiben zusammen, bittet sie Angelika.

00:24:51: Während die beiden Frauen keine Ahnung haben, was sie jetzt tun sollen, taucht plötzlich wie aus dem Nichts ein Crewmitglied auf.

00:24:57: Schnell schnell, schreit der Mann.

00:24:59: ihn gehetzt zu.

00:25:00: Angelika und Gabi sollen ihm zur Steuerbordseite folgen, also der Seite, die bereits ins Wasser ragt.

00:25:06: Doch dort führt nur einen Weg hin, einmal quer durch das Schiff.

00:25:10: Auch Matthias und Marcel versuchen auf Deck vier einen Platz in einem Rettungsboot zu bekommen.

00:25:15: Wenn sie schon keine Rettungswesten haben, müssen sie wenigstens schnell in einen Boot.

00:25:19: Aber die Idee hatten offenbar hunderte andere vor ihnen auch.

00:25:23: Überall Menschen, Menschen, Menschen stehen alte Leute, drängeln sich vor und gehen mit alle Bogen durch die Massen durch.

00:25:29: Ich habe eine Frau gesehen mit einem Baby auf dem Arm.

00:25:33: Da ist ein alterer Herr da.

00:25:34: Neben gewesen hat sie mir eine Ellebogen weggestoßen, nur damit er auf das Rettungsboot kommt und die Frau am Einsteigen gehindert hat.

00:25:40: Es spielen sich dramatische Szenen ab dort und wir stehen ganz hinten und wir wissen eigentlich, dass wir nicht in das Boot einsteigen können, weil zu viele Leute vor uns stehen.

00:25:52: Was den Männern da auch auffällt bzw.

00:25:54: sie wundert ist, dass definitiv nicht der Grundsatz gilt Frauen und Kinder zuerst.

00:25:59: Was

00:26:00: mich überhaupt nicht wundert, Also aus welchem Jahrhundert ist diese Regel?

00:26:04: Es gibt ja Frauen, die sehr fit sind und alte gebrechliche Menschen, egal welchen Geschlechts, die sehr schwach sind.

00:26:13: Ich könnte mir aber trotzdem vorstellen, dass einige Männer sich an diesen Satz einfach erinnern, weil man das irgendwie so kennt aus dem Film Titanic und dann so, weiß ich, so Gentleman-like... Helden, Positions-Like, die Frauen und Kinder vorlassen.

00:26:31: Also so hätte ich mir das zumindest vorgestellt.

00:26:34: Gewünscht auch.

00:26:36: Da habe ich hier in Vorbereitung z.B.

00:26:38: eine Studie von der Universität Uppsala gelesen.

00:26:41: Und zwar haben die sozusagen herausgefunden, dass dieses Verhalten Frauen und Kinder zuerst auf der Titanic eigentlich eher eine Ausnahme war.

00:26:49: Also die hatten achtzehn Schiffs.

00:26:52: Unglücke, begutachtet.

00:26:54: Und es gab nur zwei Schiffskatastrophen, wo anteilig mehr Frauen als Männer gerettet wurden.

00:27:00: Und heute gibt es dafür aber ganz klare Evakuierungsvorgaben.

00:27:04: Und die besagen eben, dass man hilfsbedürftige und dazu zählen eben vor allem kranke, ältere Menschen und Kinder, dass man die zuerst bei der Rettung unterstützen muss.

00:27:16: Und das finde ich auch logisch.

00:27:17: Also, als ob jetzt ein neunzigjähriger eher überlebt als ich.

00:27:21: Ja, das ist auch richtig.

00:27:23: Ich meine, bei der Coster Concordia sollte es ja auch geregelt ablaufen, aber daran hat sich dann halt keiner gehalten.

00:27:31: Matthias und Marcel sind sich jedenfalls sicher, dass sie auf dieser Seite des Schiffes kein Glück mehr haben werden.

00:27:36: Denn die Coster Concordia liegt inzwischen so schief, dass die Rettungsbote auf der Seite, die in die Höhe ragt, bald schon nicht mehr ins Wasser gelassen werden können.

00:27:44: Wenn man sie nämlich dann noch hinunterlassen würde, würden sie nicht mehr ins Meer, sondern auf die Decks darunter fallen.

00:27:50: Und langsam aber sicher steigt jetzt auch in den beiden Männern die Panik auf.

00:27:53: Sie müssen irgendwie versuchen, auf die andere Seite zu kommen.

00:27:56: Vielleicht sind da ja noch Plätze frei.

00:27:58: Während sie sich den Weg durch die Massen bahnen, fallen ihnen vier Menschen auf, die sich hilfessuchend umsehen.

00:28:03: Es sind zwei Crewmitglieder und zwei ältere Damen in Rettungswesten.

00:28:07: Elisabeth und Margarete, beide über siebzig und völlig verängstigt.

00:28:12: Matthias und Marcel fragen, ob sie helfen können.

00:28:14: Die Crew-Mitglieder bitten die beiden Männer, den Seniorinnen zu erklären, dass es auf der anderen Seite noch Rettungsboote gibt und sie sich schnellstmöglich auf den Weg dorthin machen sollen.

00:28:23: Elisabeth und Margarete verstehen nämlich nur Deutsch, die Crew-Mitglieder aber nur Englisch.

00:28:27: Matthias und Marcel übernehmen und erklären den besorgten Frauen, dass sie sie auf die andere Seite begleiten werden.

00:28:33: Denn den Männern ist klar, dass Elisabeth und Margarete nicht in der Lage sein werden, den schwierigen Weg alleine zu meistern.

00:28:40: Zu viel betreten sie also das Innere der Costa Concordia.

00:28:43: Der Plan ist, das Schiff durch die Mitte zu durchqueren, um so schnell wie möglich auf der anderen Seite anzukommen.

00:28:48: Knapp vierzig Meter liegen vor ihnen.

00:28:51: Nicht viel, wenn man jung und gesund ist und der Boden unter den Füßen sicher.

00:28:54: Doch mit ihren über siebzig Jahren sind Elisabeth und Margarete nicht mehr gut zu Fuß und der Teppich im Inneren des Kreuzverdampfers ist stellenweise glitschig von ausgelaufenem Öl.

00:29:05: Außerdem hat das Schiff mittlerweile so eine Schieflage, dass es überall steil bergab geht.

00:29:10: Matthias greift deshalb nach der Hand der einen Frau.

00:29:12: Marcel nimmt die der anderen.

00:29:14: Sie müssen aufpassen, dass sie nicht ausrutschen und hinfallen.

00:29:18: Also kämpft sich die Vierergruppe im Zeitlupentempo voran.

00:29:21: Für die älteren Damen ist die ganze Situation zu viel.

00:29:24: Sie haben Todesangst.

00:29:26: Die Frau, die sich fest an Matthias Hand klammert, wendet sich schließlich verzweifelt an ihn.

00:29:31: Die gute Frau sagt zu mir, ich will nicht sterben.

00:29:34: Und ich sage zu ihr, sie werden nicht sterben.

00:29:36: Sie haben eine Rettungsweste, sie schwimmen immer über Wasser und ihr Kopf wird immer über Wasser sein.

00:29:42: Auch Angelika und Gabi bahnen sich ihren Weg durchs Schiffinnere.

00:29:46: Im Moment stehen sie mittig in dem riesigen Bordrestaurant, in dem sie noch vor kurzem regelmäßig zur Abend gegessen haben.

00:29:52: Ordentlich aufgestellte Stühle, Teller, Besteck, Weingleser.

00:29:55: Das alles ist jetzt von der Schwerkraft zu Boden gefegt, liegt im Weg rum.

00:29:59: Und weil es hier drin so dunkel ist, dass Angelika und Gabi nicht mal ihre Hand vor Augen sehen können, werden die Gegenstände zu gefährlichen Stolper fallen.

00:30:06: Außerdem ist der Boden rutschig.

00:30:08: Jetzt nur nicht Stolpern, denkt Angelika, die voraus geht.

00:30:12: Gabi folgt ihrer Freundin, bleibt ihr immer dicht auf den Fersen und umklammert dabei ihre Hand.

00:30:17: Nur noch ein kleines Stück.

00:30:19: Angelika und Gabi können die Tür schon sehen, die sie nach draußen auf die andere Seite bringen soll, als sie bemerken, dass sie hier drin nicht alleine sind.

00:30:26: Aus allen Richtungen bahnen sich Reisende den Weg durchs Restaurant zum Außendeck.

00:30:30: Und für einen Augenblick ist es so chaotisch, dass Angelika in all dem Gedränge Gabis Hand entgleitet.

00:30:36: Und es gibt kein zurück.

00:30:38: Zu stark ist der Strom der Menschen um sie.

00:30:40: Angelika geht allein den Schritt durch die große Tür.

00:30:43: Hier hatte sie gehofft mehr Rettungsboote zu finden.

00:30:45: Doch auf der Steuerbootsseite angekommen blickt Angelika nicht auf Rettungsboote.

00:30:50: Das Deck reicht bereits so tief ins Meer hinein, dass es komplett überspült ist.

00:30:54: Und da, wo einmal die Reling zu sehen war, ist jetzt nur noch Wasser.

00:30:58: Pech, schwarzes Wasser, auf dem helle kleine Lichtleim schwimmen.

00:31:02: Angelika schaut genauer hin und erkennt, dass es die Lichter der Rettungswesten sind.

00:31:06: Direkt vor ihr befinden sich scharenweise Menschen im Wasser, denen die Todesangst ins Gesicht geschrieben steht.

00:31:11: Angelika begreift, dass sie sinken und dass sie auf dem Schiff nicht mehr sicher ist.

00:31:16: Sie muss ins Wasser, bevor der riesige Stahlkoloss untergeht und sie mit in den Tod reißt.

00:31:21: Wo ist Gabi?

00:31:23: Angelika kann nicht ohne ihre Freundin gehen.

00:31:25: Angelika!

00:31:26: Angelika!

00:31:27: tönt.

00:31:28: Gabi Stimme von irgendwo her.

00:31:30: Angelika blickt um sich, links, rechts, hinten.

00:31:33: Doch nögens kann sie ihre Freundin entdecken.

00:31:36: Gabi, ruft sie voller Sorge, doch sie kann das Gesicht ihrer Freundin in all den anderen nicht erkennen.

00:31:42: An ihrem Füßen schwappt ihr kaltes Wasser entgegen.

00:31:45: Nicht hinfallen, befehlt sie sich, jetzt bloß nicht hinfallen.

00:31:49: Von hinten bringen immer mehr Leute und drücken gegen Angelika.

00:31:53: Ihr bleibt keine Wahl.

00:31:54: Die siebenundfünfzigjährige nimmt ihren ganzen Mut zusammen, stößt sich ab ins Wasser.

00:31:59: und schwimmt ins Schwarz hinein.

00:32:01: Matthias und Marcel sind zusammen mit Elisabeth und Margarite in der Zwischenzeit schon fast auf der anderen Seite angekommen.

00:32:07: Der Seite, die immer tiefer ins Wasser ragt.

00:32:09: Doch jetzt strömt immer mehr Wasser um die Beine der Vier, was alle ins Schwanken bringt.

00:32:14: Und mit jeder Sekunde lodert mehr und mehr Panik in Matthias und Marcel auf.

00:32:19: Zurück, zurück, zurück ist der einzige Gedanke, den die beiden noch fassen können, bevor sie die zwei älteren Damen reflexartig am Arm packen, um sie in die entgegengesetzte Richtung zu ziehen.

00:32:29: Dorthin, wo sie hergekommen waren, wieder auf die erhöhte Seite des Schiffes, bevor sie in den Fluten ertrinken.

00:32:35: Ein kleines Stück schaffen es die vier, doch weiter geht es nicht.

00:32:39: Matthias und Marcel's Kräfte reichen nicht aus.

00:32:42: Immer wieder rutschen sie ab und werden vom Wasser, das um sie herum immer weiter steigt, zurück in die Tiefe gezogen.

00:32:48: Als sie wieder ungefähr bei der Mitte des Schiffes angekommen sind, sehen sie eine Möglichkeit dort, wo die Fahrstühle sind, kurz Halt zu machen.

00:32:54: Die Männer klammern sich an der Aufzugsverkleidung fest und atmen kurz durch.

00:32:59: Elisabeth und Margarete lehnen sich an die schweren Türen des Fahrstuhls, während das Wasser ihnen langsam bis zur Hüfte steigt.

00:33:05: Dann knallt es ganz laut.

00:33:07: Die Fahrstuhl-Türen brechen nach innen auf.

00:33:10: Ein starker Sog entsteht.

00:33:12: Und das nächste, was Matthias und Marcel hören, ist ein kurzer, spitzer Schrei.

00:33:17: Ein Schrei voller Angst.

00:33:18: Er ist so herzzerreißend und krästlich, dass er Matthias und Marcel bis ins Magne schüttert.

00:33:24: Und bevor sie den Frauen helfen können, werden Elisabeth und Margarete durch die Fluten in den Fahrstuhl schachtgerissen.

00:33:31: Um die Kistenwache wissen, wie viele Menschen noch an Bord sind.

00:33:36: Kapitän Skatino antwortet noch etwa dreihundert Leute.

00:33:39: Nur dreihundert?

00:33:41: Das würde bedeuten, dass fast Viertausend entweder im Wasser sind oder bereits in Sicherheit gebracht wurden.

00:33:47: Schwer vorstellbar.

00:33:49: Aber die Lage ist unübersichtlich.

00:33:50: Weil man auf der Dreiundzwanzig Quadratkilometer kleinen Insel Giglio nicht alle unterbringen kann, werden einige Schiffbrüche gleich weiter aus Festland gefahren.

00:33:59: Kapitän Scatino verspricht, weiter die Evakuierung zu koordinieren und bis zum Schluss an Bord zu bleiben.

00:34:06: Als die Küstenwache kurze Zeit später versucht den Kapitän nochmal zu erreichen, meldet der sich plötzlich nicht mehr zurück.

00:34:12: Auch nach mehrmaligen Versuchen bleibt es still an der Brücke der Costa Concordia.

00:34:17: Ein schlechtes Zeichen.

00:34:19: Elisabeth und Margarete sind im Fahrstuhl Schacht verschwunden.

00:34:22: Der sichere Tod wartet am Ende auf die beiden Frauen.

00:34:25: Das wissen Matthias und Marcel.

00:34:27: Und jetzt steigt auch bei ihnen zum ersten Mal die Todesangst auf.

00:34:31: Jetzt geht es nur noch um das Nackte überleben.

00:34:34: Jeder muss selbst schauen, wie er aus dem Schiff rauskommt, das zu einer tödlichen Falle geworden ist.

00:34:39: Also blicken sie sich noch einmal kurz in die Augen und dann stößt sich Marcel ab.

00:34:44: Jetzt gilt jeder für sich selber.

00:34:47: Und diese Entscheidung verstehe ich nicht.

00:34:49: Was?

00:34:49: Ich verstehe nicht, warum das ein Vorteil sein soll.

00:34:54: In so einem Schiff, das mittlerweile schon so quer liegt, glaube ich, hat man viel bessere Überlebenschancen zu zweit.

00:35:02: Also weiß ich nicht, das kann sein, aber ich glaube nicht, dass man das noch sozusagen so logisch erfassen kann, sondern dass dabei den, glaube ich, in dem Moment, als die Frauen da diesen Schacht runter sind, dass in dem Moment dieser Überlebensinstinkt bei den Männern auch eingesetzt hat.

00:35:21: Und das, also ich weiß nicht, kennst du das, wenn man so irgendwie in der Masse von Menschen steht und denkt, Man wird zerquetscht.

00:35:29: Also ich kenne Panik in Menschenmassen, aber nicht, dass ich wirklich denke, ich werde zerquetscht jetzt, gerade weil ich auch zerquetscht werde.

00:35:36: Okay, also ich war mal in einer Situation, wo ich schon mit den Füßen nicht mehr auf dem Boden war.

00:35:42: Und so

00:35:43: hin

00:35:44: und her.

00:35:44: Hey,

00:35:44: wann war das?

00:35:45: Das war

00:35:47: bei

00:35:47: einer Abi Party beim Anstellen.

00:35:50: Total krank.

00:35:51: Doch, da haben die von hinten so gedrückt.

00:35:55: Und ich stand relativ weit vorne und war halt so klein und dann sind meine Füsse abgehoben.

00:36:01: Und da... Da hat... Und irgendwann war das auf jeden Fall nochmal dieses Gefühl, dass ich ganz schlimm finde und das so... Also es ist ja wahrscheinlich Panik, ja.

00:36:13: Und dass ich dann das Gefühl hatte, ich werte jetzt zu einem Tier.

00:36:17: und werd mich da raus bewegen, weil sonst sterb ich.

00:36:21: Und mir ist es egal, was um mich herum passiert, und ich hab das auch nicht mehr wahrgenommen, wer jetzt neben mir ist, und ich würd mal sagen, in dem Moment ist es mir dann auch egal, wenn ich jemand anderem verletze, weil in meinem Kopf quasi nur ist raus, raus, raus, sonst sterb ich jetzt.

00:36:36: Und vielleicht war das bei Matthias und Marcel in dem Moment auch nur raus, raus, raus, ich muss jetzt hier raus.

00:36:42: Auf jeden Fall hatten Laura und ich neulich einen... sehr intim rührenden, freundenden Moment, der mich über die letzten Tage getragen hat, bis sie heute zu mir sagte, in so einer Situation würden wir auch aufeinander scheißen.

00:37:01: Ich konnt's nicht fassen, als ich das gehört hab.

00:37:03: Das hat mich vorhin wirklich sehr traurig gemacht.

00:37:07: Also, ich kann mir das nicht vorstellen, dass man dann einfach alleine den anderen so abstürzt, wie so Ballast.

00:37:14: Echt nicht.

00:37:15: Ich sag ja nicht, dass es nicht so sein wird.

00:37:18: Weil ich war noch nie auf einem sinkenden Schiff.

00:37:20: Ich sag nur, ich kann es mir wirklich schwer vorstellen.

00:37:23: Auch weil ich denke, dass man sich gegenseitig besser unterstützen kann und irgendwo hochziehen kann und keine Ahnung.

00:37:29: Ja, vielleicht ist es ja dann auch so, dass du in dem Moment da auch noch vielleicht rationaler dann

00:37:34: ... so

00:37:35: agieren kannst und andere nicht, zum Beispiel, es könnte auch sein.

00:37:39: Aber nur weil ich mich an diese Situation erinnert habe und das Gefühl in meinem Kopf und dieses Raus und sonst keinen und egal, wie ich das jetzt mache.

00:37:50: Und ich glaube, wenn wir auch so an die Katastrophe bei Love Parade denken und so, das war da ja auch bei ganz vielen Menschen dann so, ne?

00:37:58: Einfach raus und dabei wurden Menschen darunter zertrampelt ohne das... Man das, sag ich jetzt mal, gemerkt hat oder darüber nachgedacht hat, was man hier gerade mit seinem Verhalten macht.

00:38:10: Einfach wegen diesem Überlebensinstinkt.

00:38:13: Ich glaube, eine Massenpanik ist aber noch mal ein bisschen was anderes, als wenn du so alleine in so einem Flur von einem Schiff bist,

00:38:19: weißt du?

00:38:20: Ja, ja.

00:38:21: Hoffen wir einfach mal sehr, dass wir nie herausfinden müssen, ob wir zu Feinden werden würden oder ob wir es mit Teamwork schaffen würden.

00:38:29: Also

00:38:29: ich würde es dir raten, denn ich sage dir eins.

00:38:31: Ich bin stärker als du.

00:38:35: Aber ich bin mir sicher, dass Matthias und Marcel in dem Moment dachten, dass das das Richtige für sie ist.

00:38:44: Es ist ein und nachts.

00:38:45: Der Wind pfeift eisig um Angelikas Ohren.

00:38:48: Dazu kommen Hubschrauber-Geräusche.

00:38:50: Um sie herum ist alles dunkel, nur die Lichter der Rettungswesten funkeln.

00:38:54: Sie hat keine Orientierung, weiß nicht wohin sie soll.

00:38:57: Einfach erst mal vom Schiff weg, denkt sie sich und schwimmt los.

00:39:00: Das Wasser ist kalt, ihre Rettungsweste hält sie oben.

00:39:03: Als sie genügend Abstand zum Schiff hat, sieht sie plötzlich, wie die Lichter der Schwimmwesten vor ihr aus dem Wasser aufsteigen.

00:39:10: Wie bei einer Himmelfahrt, denkt sie und schwimmt weiter auf die Lichter zu.

00:39:14: Ein paar Minuten vergehen, dann stößt Angelikas Fuß auf einmal gegen etwas Hartes.

00:39:19: Es ist ein Felsen.

00:39:20: Sie sieht nach oben und erkennt, dass sie eine Klippe erreicht hat.

00:39:24: Sie hat es tatsächlich geschafft.

00:39:26: Angelika klettert die nassen Steine hoch und findet sich auf einem Felsvorsprung wieder.

00:39:30: Erst jetzt wird ihr bewusst, sie waren die ganze Zeit ganz dicht am rettenden Ufer.

00:39:35: Nur ungefähr fünfzig Meter liegen zwischen ihr und der Costa Concordia.

00:39:39: Und bis zur Inseggilio sind es nur ca.

00:39:41: hundert Meter mehr.

00:39:42: Das hatte ihn niemand gesagt.

00:39:45: Während sich Angelica auf den Felsen gerettet hat, geht Matthias panischer Kampf nach draußen weiter.

00:39:50: Nur, dass er den jetzt ohne seinen Freund Marcel durchstehen muss.

00:39:54: Noch immer klammert er sich an der Verkleidung des Fahrstuhls fest.

00:39:57: Matthias fragt sich gerade, was der beste Weg nach draußen sein könnte, als er irgendwo unter den Lasten des Wassers eine weitere Tür aufbrechen hört.

00:40:05: Schon wieder entsteht im Inneren der Costa Concordia ein unbändiger Sog.

00:40:09: Ohne weiter zu überlegen, beschließt Matthias los und sich vom Strom mitreißen zu lassen.

00:40:14: Denn dagegen anschwimmen kann er eh nicht.

00:40:17: Also hält Matthias die Luft an, lässt den Aufzug los und taucht unter.

00:40:21: Die Wassermassen spülen ihn zuerst durch einen Korridor und dann in den riesigen Essenssaal, in dem er noch vor wenigen Stunden gegessen hatte.

00:40:29: Dort schlägt er in einer Ecke irgendwo gegen.

00:40:31: Matthias streckt seine Arme unter Wasser aus, das Ding vor ihm fühlt sich an wie eine Stange.

00:40:36: Matthias zieht sich daran hoch, bis er mit den Händen und dem Kopf wieder über Wasser ist und endlich nach Luft schnappen kann.

00:40:42: Dann sieht er, dass es sich um ein Treppengeländer handelt, das so breit ist, dass er darauf stehen könnte.

00:40:47: Also nimmt er all seine Kraft zusammen und klettert auf das Geländer.

00:40:50: Für einen kurzen Moment atmet Matthias erleichtert auf, fürs Erste konnte er dem Wasser entfliehen.

00:40:56: Doch bereits im nächsten Augenblick wird ihm ganz anders.

00:41:00: Er sieht, dass er in dem dunklen großen Raum ganz allein ist.

00:41:04: Und ihm wird bewusst, dass ihn die Fluten schließlich unter sich begraben werden, wenn er hier nicht schnell rauskommt und dass es nicht mal jemand mitbekommen würde, wenn er sterben würde.

00:41:14: Die Einwohner innen allen mit Decken und Waren getränken zum Ufer, um die Schiffbrüchigen aus den Rettungsbooten zu ziehen und zu versorgen.

00:41:21: Die Kirche im Dorf wird zur Notunterkunft.

00:41:23: Während es die meisten schon ans Ufer geschafft haben, blickt sich Angelika auf dem Felsvorsprung um, auf den sie gerade geklettert ist.

00:41:30: Sie sieht zwei Frauen ganz in der Nähe sitzen.

00:41:32: Bitte, sagt die eine höflich zu ihr, nehmen sie doch Platz.

00:41:36: Doch Angelika bleibt erst einmal stehen.

00:41:38: Sie greift hinunter in das Wasser und hilft den Menschen, die nach ihr die Klippe erreichen.

00:41:43: Der Reihe nach zieht sie einen nach dem anderen aus dem Wasser und wartet darauf, dass sich eine Hand wie die anfühlt, die sie nur wenige Minuten zuvor loslassen musste.

00:41:52: Als sich Matthias schon von seinem Leben verabschiedet hat, sieht er plötzlich irgendwo in der Ferne die Lichter von Rettungswesten aufblitzen.

00:42:00: Ohne lange zu fackeln, springt Matthias ins Wasser und schwimmt in Richtung der hellen Lichter.

00:42:05: Dabei ruft der Achtendreißjährige immer wieder laut nach Hilfe.

00:42:08: Doch eine Antwort bleibt aus.

00:42:10: Hallo, hört mich jemand?

00:42:12: schreit er nochmals aus voller Kehle, hat ihm plötzlich eine Stimme entgegen halt.

00:42:17: Hey, Mister, Mister, komm hier, hier ist ein Exit.

00:42:21: Trotz der Dunkelheit zeichnen sich die Umrisse zweier Besatzungsmitglieder von Matthias Augen ab.

00:42:26: Wie wild, fuchteln sie mit einer Taschenwampe in der Luft herum.

00:42:30: Damit Matthias weiß, in welche Richtung er schwimmen muss, leuchten sie ihm Stück für Stück den Weg durch den riesigen Essenzahl.

00:42:36: Er schöpft, kommt er bei ihnen an.

00:42:38: Die beiden Männer reichen ihm die Hände und ziehen ihn mit vereinten Kräften aus dem Wasser.

00:42:42: Völlig orientierungslos schaut sich Matthias um.

00:42:45: Er befindet sich jetzt in einem kleinen Zimmer, an dessen Decke, die wohl einmal eine Seitenwand war, ein Luftschacht verläuft.

00:42:52: Sein Weg in die Freiheit.

00:42:54: Doch nach oben klettern geht nicht.

00:42:56: Nögens an dem glatten, silbernen Metall des Schachts gibt es eine Möglichkeit, sich festzuhalten.

00:43:01: Zusammen mit den Crew-Mitwäder muss er hier im sinkenden Schiff auf Hilfe von oben warten.

00:43:06: Als er gerade wieder einmal seinen Blick Richtung Himmel hebt, erscheint auf der anderen Seite des Schachts auf einmal ein Gesicht.

00:43:11: Zwei weit aufgerissene Augen gucken Matthias entgegen.

00:43:15: Doch so schnell wie der Mann auf der anderen Seite aufgetaucht ist, ist er auch wieder verschwunden.

00:43:19: Eine kurze Zeit vergeht, dann sieht Matthias ihn wieder.

00:43:22: In seiner Hand hält er ein Seil.

00:43:24: Er wirft es Matthias zu, der sich daran festklammert.

00:43:27: Dann wird er hochgezogen.

00:43:29: Zentimeter für Zentimeter kann er so der tödlichen Falle endlich entfliehen.

00:43:35: Erst an Deck begraift Matthias, wie schief die Kosterkonkordia steht und dass er sofort vom Schiff muss.

00:43:40: Die Rettungskräfte, die ihn und die anderen durch den Schacht gezogen haben, führen ihn im Eiltempo zu einer Seite des Schiffes, an der eine Strickleiter befestigt ist und nach unten Richtung Meer führt.

00:43:50: Vierzig, fünfzig Meter ist sie lang.

00:43:53: Eine nach der anderen geht Matthias die wackeligen Sprossen hinunter, ganz langsam, damit er nicht ausrutscht.

00:43:59: Mit vereinten Kräften hieft ihn die Küstenwache schließlich auf ihr Boot.

00:44:03: Doch selbst dort fühlt Matthias sich immer noch nicht sicher.

00:44:06: Im Gegenteil, die panische Angst, dass die Costa Concordia jeden Moment absinken und das kleine Boot mit in die Tiefe reißen könnte, überkommt ihn.

00:44:14: Besorgt schaut er auf den Stahlkoloss vor ihm und dann in die Richtung, in die sie fahren.

00:44:19: Dort erkennt er in unmittelbarer Nähe einige Lichter.

00:44:23: Es sind Häuser.

00:44:24: Erst jetzt versteht auch Matthias, dass nur wenige Meter von dem Kreuzfahrtschiff entfernt das rettende Ufer liegt.

00:44:30: Sofort schießt ihm Marcel in den Kopf.

00:44:32: Vielleicht hat sein Freund es ja schwimmend an Land geschafft.

00:44:36: Er ist ein guter Schwimmer und er hat Ausdauer.

00:44:39: Matthias wünscht sich in dem Moment nichts mehr, als dass Marcel den Kampf ums Überleben auch gewonnen hat.

00:44:45: Es ist ungefähr viertel vor fünf am Morgen, als das Boot der Küstenwache mit Matthias im Hafen der Toskanischen Insel Giglio einfährt und er eine Gestalt am Steg stehen sieht.

00:44:54: Schon von weitem erkennt er in ihr seinen Freund.

00:44:57: Marcel hatte es tatsächlich geschafft.

00:45:00: Als Matthias ihn dort stehen sieht, werden seine Knie weich.

00:45:03: Er bricht zusammen und muss sich setzen.

00:45:05: Ungeduldig wartet er im Sitzen ab, bis das Rettungsboot der Küstenwache endlich im Hafen anlegt.

00:45:11: Dann rennt er auf Marcel zu.

00:45:13: Die beiden fallen sich in die Arme und fangen an, bitterlich zu weinen.

00:45:18: Einige Zeit später geht die Sonne über Giglio auf.

00:45:21: Und mit dem anbrechenden Tageslicht offenbart sich das ganze Ausmaß der Katastrophe, die sich gestern Nacht ereignet hat.

00:45:27: Die riesige Costa Concordia liegt nur knapp hundertfünfzig Meter vom Ufer entfernt.

00:45:33: Auf den Fotos, die die Pressevertreter innen schießen, wirkt das Schiff komplett deplatziert.

00:45:38: Fast so, als würde es sich dabei um eine Fotomontage handeln.

00:45:41: Die Bilder und Videos davon, wie der weiße Ozeanriese zur Seite gekippt, halbseitig von Wassermassenverschlungen direkt vor einer Insel liegt, geben um die Welt.

00:45:50: Und führen unweigerlich zu der Frage, Wieso fährt ein so großes Kreuzfahrtschiff so nah an einer Insel vorbei?

00:45:57: Während immer mehr Journalistinnen dieser Frage auf den Grund gehen wollen und sich deshalb auf den Weg in die Toskana machen, kommen auch immer mehr Rettungskräfte an.

00:46:07: Die meisten Passagierinnen wurden zwar noch in der Nacht an Land gebracht, allerdings gab es bereits nachts die ersten Todesmeldungen.

00:46:13: Umviertel vor fünf wurde die Evakuierung vorerst abgeschlossen.

00:46:17: Wer jetzt noch am Bord ist, dem hilft nur noch ein Wunder.

00:46:21: Am nächsten Tag suchen Rettungsmannschaften weiter.

00:46:22: Viertausend einhundertneunundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundund.

00:46:39: Und wir wissen, man würde ja jetzt meinen, dass es mehrere Stunden nach einem Unglück keine Überlebenden mehr in den Teilen des Schiffes geben kann, die unter Wasser sind, weil ein Mensch nicht länger als maximal zehn Minuten ohne Sauerstoff überleben kann.

00:46:51: Aber woran sich viele in diesen Stunden klammern, sind mögliche Luftblasen im Wrack.

00:46:57: Acht Jahre vor der Havarie, der Costa Concordia, gab es nämlich einen Fall an der norwegischen Küste, wo ein Frachter auf Rund gelaufen und innerhalb einer Minute umgekippt war.

00:47:06: Im Inneren In der Nähe des Maschinenraums waren noch drei Männer der Besatzung.

00:47:12: Die Unterseite des Schiffes ragte dann also nach oben und so konnten die Männer sich mit Klopfgeräuschen bemerkbar machen.

00:47:18: Die Luft drin war das einzige, was das Schiff noch oben hielt und die drei Männer von der Kühe noch für einige Stunden am Leben, auch wenn die Luft natürlich nach und nach knapp wurde.

00:47:28: Zwei-tausend dreizehn überlebte ein Schiffskoch drei Tage lang in dreißig Meter Tiefe am Meeresgrund im gesunkenen Schlepper Jackson-Fore durch auch so eine Luftblase.

00:47:37: Allerdings ist die Hoffnung darauf, im Fall der Coster Concordia nur gering, weil das Schiff relativ langsam zur Seite sagte, konnte schon viel Luft aus dem Schiff entweichen.

00:47:47: Trotzdem geben die Profitaucher in nicht auf, um noch lebende, aber natürlich auch die Leichen zu bergen.

00:47:53: Dabei ist die Arbeit schwierig.

00:47:55: Um sich den Zugang zum Inneren des Schiffs zu erleichtern, sprengen die Spezialkräfte Löcher in den Rumpf des Schiffes.

00:48:00: So versuchen sie sich ihren Weg zu Deck fünf zu bahnen, um dort vielleicht noch jene zu finden, die es nicht zu Deck vier geschafft haben.

00:48:08: Das birgt aber das Risiko, dass das Schiff abrutscht und siebzig Meter in die Tiefe sagt.

00:48:12: Eine Gefahr für alle Einsatzkräfte, die dann mitgerissen werden könnten.

00:48:17: Außerdem ist es schwierig, dort unten überhaupt was zu sehen.

00:48:20: Es ist dunkel, überall versperren schwimmende Möbel, Stoffe und Schmutz die Sicht.

00:48:24: Die Leichen erkennen sie meist erst richtig, wenn sie schon gegen sie geschwommen sind.

00:48:29: In der Schiffsküche erschwert überall aufgequollenes Brot die Arbeit.

00:48:32: Trotzdem können die Einsatzkräfte dort schließlich zwei Leichen von Crewmitgliedern bergen.

00:48:37: Im Bordrestaurant erwartet die Taucher in ein ebenso grausiges Bild.

00:48:42: Die Toten treiben im Smoking- und Abendkleid durch den großen Saal.

00:48:46: Die traurige Zwischenbilanz nach drei Tagen Suche.

00:48:48: Es werden immer noch neunundzwanzig Personen vermisst.

00:48:52: Und eine von ihnen ist immer noch Gabi.

00:48:55: Angelika hatte an dem Abend noch eine Weile auf dem Felsen vergeblich darauf gehofft, dass ihre Freundin ebenfalls den Weg durchs Wasser an Land gefunden hatte.

00:49:02: Aber Gabi kam nicht an.

00:49:04: Angelika ist zurück nach Deutschland gekehrt und verfolgt von dort die Nachrichten.

00:49:08: Immer in der Hoffnung, dass Gabi doch noch lebend im Schiffsinneren geborgen wird.

00:49:13: Ihre Nerven liegen deswegen völlig blank.

00:49:15: Die Ungewissheit nicht zu wissen, was mit Gabi passiert ist, wo sie ist, wie es ihr geht, frisst sie innerlich auf.

00:49:21: Sie kann nicht arbeiten.

00:49:22: Ihr Tag besteht nur aus warten und hoffen.

00:49:25: Manchmal ertappt sie sich dabei, wie sie nach ihrem Telefon greift und Gabis Nummer wählt, so wie sie es früher immer getan hat.

00:49:31: Doch auf der anderen Seite ist niemand erreichbar.

00:49:34: In den Momenten trifft es sie ganz hart.

00:49:37: Gabi ist nicht da.

00:49:39: Fast zwei Wochen geht das so und mit jedem Tag schwindet ihre Hoffnung ein kleines bisschen mehr.

00:49:44: Bis sich die bayerische Polizei bei Angelika meldet und sie bittet auf die Wache zu kommen.

00:49:48: Der Beamte dort ist freundlich zu ihr.

00:49:49: Reicht ihr Englas Wasser?

00:49:51: Dann beginnt er zu erzählen.

00:49:53: Die italienischen Behörden haben Gabi gefunden.

00:49:55: Ihrem Körper konnte die Polizei nur noch anhand ihrer DNA-Spur identifizieren.

00:50:00: Die Worte, die den Mund des Beamten verlassen, rauschen nahezu an Angelika vorbei.

00:50:04: Ihrer Trauer kann sie sich nicht stellen.

00:50:07: Noch nicht.

00:50:08: Sie kann das Gefühl der Einsamkeit noch nicht zulassen.

00:50:10: Sie muss jetzt funktionieren.

00:50:12: Es gibt viel zu tun, viel für Gabi zu tun.

00:50:15: Angelika kümmert sich um Gabis Wohnung, um eine Traueranzeige, die Feuerbestattung.

00:50:19: Sonst gab es niemanden in Gabis Leben, der sich jetzt darum kümmern würde.

00:50:23: Die Beschäftigung, das Huschen von Termin zu Termin, lenkt sie von dem riesigen Loch ab, das tief in ihrem Herzen klafft.

00:50:30: Angelika tut alles, damit es nicht still um sie wird.

00:50:33: Stille erträgt sie nicht.

00:50:35: Denn dann kommen die Gedanken und die Erinnerungen an die Schicksalsnacht, daran, dass sie in all dem Gedränge die Hand ihrer Freundin verlor und sie jetzt nie wiederhalten wird.

00:50:49: Neben Gabi noch weitere elf Deutsche, sieben Menschen aus Italien, sechs aus Frankreich, zwei aus Peru, ein Ehepaar aus den USA sowie ein Inder, ein Spanier und ein Ungar.

00:51:00: Zweiunddreißig Menschenleben sind ausgelöscht und das nur, weil ein Kreuzfahrtschiff vor einer Insel auf Grund gelaufen ist.

00:51:06: Die Frage danach, wieso etwas passieren konnte, interessiert natürlich nicht nur die Presse, sondern auch die Polizei.

00:51:13: Und so beginnen die Ermittlungen schon am Tag nach dem

00:51:15: Unglück.

00:51:15: Zu diesem Zweck wird zunächst Kapitänsketino befragt, der Mann, der die oberste Verantwortung auf dem Schiff hatte.

00:51:22: Außerdem wird die Blackbox, der Datenschreiber der Costa Concordia an Bord beschlagnahmt.

00:51:27: Der gibt den ermittelnden Aufschluss über die genaue Route des Schiffs.

00:51:30: Mithilfe von Telefonmitschnitten, der Analyse von Funkverkehr und zahlreichen Zeug in den Aussagen entsteht ein immer klareres Bild von dem Abend und den Gründen, die zum Tod von so vielen Menschen geführt haben.

00:51:43: Es stellt sich heraus, dass mit voller Absicht so dicht an der Küste vorbeigefahren wurde.

00:51:48: Kapitän Scatino hatte das genauso gewollt, und zwar, weil er ein Manöver vorhatte.

00:51:54: Er wollte, dass sich die Costa Concordia vor der Insel Gileo verneigt.

00:51:58: Eine Praktik bei der Kreuzfahrtschiffe ganz nah ans Festland heranfahren, langsamer werden und dann die Nebelhörner ertönen lassen.

00:52:05: So verbeugt sich das Schiff und seine Besatzung zum Gerust der Menschen an Land.

00:52:09: Ein waghalsiges Manöver, das schließlich für eine Verneigung des riesigen Schiffs und ein tötliches Ende der Kreuzfahrt gesorgt hatte.

00:52:18: Nachdem die Staatsanwaltschaft fast ein ganzes Jahr lang rund fünfzigtausend Seiten Beweismaterial gesammelt hat, ist man sich sicher, Kapitän Skatino und fünf andere sind schuld am Tod der Menschen.

00:52:29: Darunter der erste Offizier, der Steuermann und der Leiter der Krisenkoordination der Costa-Rederei.

00:52:35: Alle können mithilfe ihrer Rechtsbeistände ein Deal für sich rausschlagen, ohne dass es zu einem Prozess für sie kommt.

00:52:41: Auch die Rederei selbst.

00:52:42: Für eine Zahlung von eine Million Euro Strafe werden die Ermittlungen gegen sie eingestellt, was für enorme Empörung bei den Opfern sorgt.

00:52:50: Der einzige, für den ein Deal nicht funktioniert, ist Kapitän Schettino.

00:52:54: Der bietet der Staatsanwaltschaft vierzig Monate Haft an, was die mit der Bemerkung lächerlich abtut.

00:53:00: Ab Mitte Juli, zehnzehnzehn, will die ihn auf der Anklagebank sehen.

00:53:05: Ein Mammutprozess liegt vor der italienischen Justiz.

00:53:08: Insgesamt vieltausendzweihundertundzwanzig Menschen gelten als geschädigt, zweihundertfünfzig Nebenklägerinnen mit über sechzig Anwält innen zum Vom Gericht zugelassen.

00:53:17: Außerdem kommt die Presse aus aller Welt.

00:53:20: Für diesen Andrang ist das Justizgebäude der toskanischen Provinzstadt Grosseto nicht gemacht.

00:53:25: So wird das städtische Theater kurzfristig zum Gerichtsaal umfunktioniert, um die etwas andere Art von Aufführung zu beherbergen.

00:53:33: Der Auftritt, auf den alle warten, findet schließlich am siebzehnten Juli um neun Uhr dreißig statt.

00:53:39: Francesco Scatino betritt braun gebrannt und mit dunklem Anzug den Theatersaal.

00:53:44: Der mittlerweile zwanzigjährige nimmt neben seinen beiden Anwälten rechts unten vor dem Orchestergrabenplatz.

00:53:50: Auf der gegenüberliegenden Seite findet sich die Staatsanwaltschaft ein.

00:53:54: Kurze Zeit später geht's los.

00:53:56: Drei Richter laufen auf die Bühne und lassen sich an einem langen rot betuchten Tisch nieder, dicht nebeneinander.

00:54:02: Auf der riesigen Leinwand hinter ihnen prangt in weißen Großbuchstaben der Satz auf Italienisch, vor dem Gesetz sind alle gleich.

00:54:10: Dann wird die Anklage verlesen.

00:54:12: Mit verschränkten Arm- und heilnahmslosen Gesichtsausdruck lauscht Skettino dem Schriftstück, das von hundertsiebenundfünfzig Menschen erzählt, die durch die Katastrophe körperliche und psychische Schäden davon getragen haben und die Namen aller Zweiunddreißig Opfer auflistet, die an jenem Tag qualvoll gestorben sind.

00:54:29: Die fünfjährige Diana und ihr Vater fanden ebenso wie Angelika Gabi, Matthias und Marcel keinen Platz an Rettungsbooten und ertranken.

00:54:37: Die fünfundzwanzigjährige Erika hatte einen Platz, fiel aber aus dem Boot und wurde vom sog des sinkenden Schiffes unter Wasser gerissen, weil sie keine Rettungsweste trug.

00:54:46: Russell, ein Kellner, fühlte sich mehr für die Passagierinnen verantwortlich als der Teil der Besatzung, der eigentlich für die Evakuierung zuständig war.

00:54:54: Offenbar blieb er dabei zu lang an Bord und starb.

00:54:58: Skatino wird vorgeworfen, Schuld an dem Schicksal der Menschen zu sein.

00:55:02: Und das nicht nur aufgrund des rufkanten Manövers, das er unbedingt fahren wollte, sondern auch, weil er sich danach nicht um eine vorschriftsmäßige Evakuierung gekümmert hat.

00:55:11: Skatino selbst sieht das nicht so.

00:55:13: Seine Anwälte erklären nach der Anklageverlesung, dass jemand dann sich nicht als Hauptverantwortlicher für die Katastrophe sieht.

00:55:19: Ein Teil der Verantwortung sei er bereit zu übernehmen, aber eben nur ein Teil.

00:55:24: Doch mit jedem Auftritt der Zeuginnen wird Skatinos Ansicht mehr in Zweifel gezogen.

00:55:29: Ein Offizier nach dem anderen sagt aus, was der Kapitän in dieser Nacht an Anweisung erteilt hat.

00:55:34: Auch der Leiter der Küstenwache Gregorio de Faico kann Skatinos schwer belasten.

00:55:39: Um die Aussage der Zeuginnen zu untermauern, lässt die Staatsanwaltschaft immer wieder Telefonate und Funkgespräche zwischen der Costa Concordia und der Küstenwache abspielen und Videos, die die Ereignisse auf der Kommandobrücke zeigen.

00:55:51: Das behauliche hektische Piepsen, etliche Alarmglockenhalt durch das Theater und lässt den Abend und die Nacht des dreizehnten Januar, zw.

00:55:58: zw.

00:55:59: im Gerichtsaal noch einmal aufleben.

00:56:02: Das Essen mit seiner geliebten Dominika leutet für Kapitän Schettino an diesem Freitag den Abend ein.

00:56:08: Gestört wird das romantische Dinner nur kurz durch den Oberkellner Antonello.

00:56:13: Er macht Schettino darauf aufmerksam, dass sie gleich an der Insel Gileo vorbeifahren werden.

00:56:17: Seine Mutter wohne dort und es wäre doch toll, wenn die Costa Concordia sich zur Begrüßung verneigen würde.

00:56:23: Schettino verspricht dem Kellner, sich darum zu kümmern.

00:56:26: Kurze Zeit später verlässt er dann mit Dominica das Restaurant und führt sie hoch auf die Kommandobrücke, wo sie eigentlich nichts zu suchen hat.

00:56:34: In dem Moment ist die Costa Concordia gerade mit fünfzehn Knoten unterwegs.

00:56:38: Knapp achtundzwanzig Kilometer pro Stunde, eine zügige Reisegeschwindigkeit, die Schiffe nur auf freier See machen.

00:56:45: Trotz der hohen Geschwindigkeit lässt Skatino seine Besatzung auf Handsteuerung umstellen.

00:56:49: Ein Steuermann schaltet daher den Autopiloten aus.

00:56:52: Während das Schiff nun viel zu schnell durch das Wasser vor der Küste von Giglio, das von Felsen übersät ist, jagt, lässt Kapitän Skatino den Steuermann den Kurs mehrfach ändern.

00:57:01: Er will ganz nah an die Insel, so nah wie nur irgend möglich, will sich und den anderen zeigen, wie gut er das fünfzigtausend Tonnen schweres Schiff im Griff hat.

00:57:11: Immer wieder gibt's Gatino Anweisungen und Gradzahlen durch, ordnet an, dass anstatt der üblichen fünf Sehmeilen mit einer Entfernung von nur null

00:57:18: Komma fünf

00:57:19: Sehmeilen an die Insel gefahren werden soll.

00:57:21: Und zwar noch schneller, mit sechzehn Knoten.

00:57:24: Die Kommunikation unter der Besatzung auf der Brücke ist chaotisch.

00:57:27: Überwiegend wird italienisch gesprochen, weil das aber nicht alle verstehen, teilweise aufgebrochenes Englisch gewechselt, was für Verständigungsprobleme sorgt.

00:57:34: Und dann schreit ein Offizier beim Blick aus dem Fenster entsetzt, wir sind links zu nah.

00:57:40: Danach gibt der Kapitän sofort den Befehl zum Gegensteuern.

00:57:43: Sein letztes Kommando ist nur noch ein Schrei.

00:57:45: Es ist zu spät.

00:57:46: Genau sieben Sekunden nach einundzwanzig uhrfünfundvierzig schert das Heck der Costa Concordia durch die abrupte Ruderbewegung aus und der Rumpf schrammt über ein Felsenriff.

00:57:56: Mein Gott, was habe ich getan?

00:57:58: Prabbelt Kapitän Skatino noch vor sich hin.

00:58:00: Dann bricht ein ungeheuerlicher Lärm auf der Brücke aus.

00:58:04: Jede Gerätschaft, die irgendwie leuten kann, schlägt Alarm.

00:58:06: Jeder Bildschirm blinkt rot auf.

00:58:09: Drei Minuten später dingelt das Telefon auf der Kommandobrücke.

00:58:12: Schettino nimmt ab.

00:58:13: Der Chef-Ingenieur am anderen Ende gibt ihm zu verstehen, dass der Maschinenraum komplett überflutet ist.

00:58:19: Kaum hat er wieder aufgelegt, fragt ein Crewmitlieb den Kapitän, ob sie die Reisenden informieren sollen.

00:58:24: Schettino weist an, zu sagen, dass es sich um einen Stromausfall handele.

00:58:28: Er will die Reisenden beruhigen.

00:58:30: Kurz darauf klingelt wieder das Telefon.

00:58:32: Es ist die Küstenwache, die fragt, ob alles okay sei.

00:58:35: Skettino spielt die Katastrophe herunter, spricht von einem Stromausfall, was eine Lüge ist.

00:58:41: Nervös wird.

00:58:42: Skettino zickt Telefonate mit der Rederei, während das Wasser im Schiff Zentimeter um Zentimeter steigt.

00:58:48: Er ist ungefähr eine dreiviertel Stunde nach der Kollision, teilt der Kapitän der Küstenwache mit, dass es ein Leck an Bord gibt.

00:58:54: Doch die Evakuierung leitet er noch immer nicht ein, obwohl Skettino weiß, dass das Schiff

00:58:59: voll läuft.

00:59:01: Erst noch dem der Kapitän von seiner Besatzung dazu gedrängt wird, löst er den Alarm aus.

00:59:05: So wird erst mehr als eine Stunde nach der Kollision die Evakuierung eingeleitet.

00:59:09: Gegenheit zwölf telefoniert Skatino ein weiteres Mal mit der Küstenwache und sagt, dass er die Evakuierung der restlichen Reisen in koordiniert und bis zum Schluss an Bord bleibt.

00:59:19: Doch das stimmt nicht ganz.

00:59:21: Denn noch vormitt an Nacht verlässt der Kapitän zusammen mit einigen anderen Besatzungsmitgliedern in einem Rettungsboot das sinkende Schiff.

00:59:28: Während Angelika, Gabi, Matthias und Marcel und hunderte andere Menschen Todesangst haben und um ihr Leben kämpfen.

00:59:36: Erst gegen halb eins erreicht die Küstenwache den Kapitän auf seinem Handy.

00:59:40: Der Diensthabende Offizier will wissen, wie viele Menschen das Schiff noch verlassen müssen.

00:59:44: Skatino antwortet, dass noch etwa vierzig Menschen vermisst wurden.

00:59:47: Daraufhin fragt der Offizier, wie kann es sein, dass es nur so wenige Menschen sind?

00:59:52: Sind sie an Bord?

00:59:54: Der Kapitän Nein, ich bin nicht an Bord, weil das Schiff untergeht, wir haben es verlassen.

00:59:59: Entsetzt fragt der Offizier, was meinen Sie, Sie haben das Schiff verlassen?

01:00:03: Nein, nicht verlassen.

01:00:04: Ich bin hier und koordiniere die Rettungsaktion, lügt Skatino.

01:00:09: Nun herrscht der Offizier ihn an.

01:00:11: Was koordinieren Sie da?

01:00:12: Weigern Sie sich?

01:00:13: Gehen Sie zurück an Bord und koordinieren Sie die Rettungsaktion von dort.

01:00:18: Danach reist der Kontakt zwischen der Küstenwache und dem Kapitän erneut ab.

01:00:22: Gegen Viertel vor zwei nimmt Schettino dann wieder ein Gespräch an seinem Handy entgegen.

01:00:26: Hören Sie, Schettino, es gibt Menschen, die an Bord eingeschlossen sind.

01:00:30: Erklärt ihm diesmal der Leiter der Küstenwache Gregorio de Falco.

01:00:34: Sie fahren jetzt mit ihrem Rettungsboot unter die rechte Seite des Buchs.

01:00:37: Da ist eine Leiter.

01:00:38: Sie gehen die Leiter hoch und an Bord des Schiffes.

01:00:40: Sie gehen an Bord und sagen mir, wie viele Personen dort sind.

01:00:43: Ist Ihnen das klar?

01:00:45: De Falco drängt und fordert, wird.

01:00:47: der Kapitän lenkt nicht ein.

01:00:49: Dann drohte Falkus Gettino, sie haben sich vielleicht aus dem Meer gerettet, aber ich sorge dafür, dass sie echte Schwierigkeiten bekommen.

01:00:55: Gehen sie verdammt nochmal an Bord.

01:00:58: Mehrfach fordert er den Kapitän auf, zurückzukehren, um zu helfen.

01:01:02: Doch Gettino kehrt nicht zurück.

01:01:05: Im Gerichtssaal sieht man das Kapitän Schettino, die Aussagen angespannt verfolgt.

01:01:10: Immer wieder schüttelt er seinen Kopf und lacht unglaublich.

01:01:13: Doch in dem Moment, als Defikus Worte, gehen sie verdammt nochmal an Bord, ertönen, hält er kurz inne und senkt seinen Blick.

01:01:19: Unruhig später mit einem Stück Papier herum, das er in der Hand hält.

01:01:23: Einige Tage später möchte nun auch der Kapitän selbst etwas sagen.

01:01:27: Für all die Dinge, die ihm vorgeworfen werden, hat er nämlich eine Erklärung.

01:01:30: Und die lautet eigentlich, kann das für diese Katastrophe nicht wirklich was.

01:01:35: Eine These, die der Kapitän mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein vor Gericht vertritt.

01:01:40: Zunächst einmal erklärt er, dass es mehrere Gründe dafür gab, dass die Costa Concordia so gefährlich nahe an die Insel Giglio gefahren ist.

01:01:48: Ich wollte drei Fliegen mit einer Klappe schlagen, sagt Scatino zu den Richterngewand.

01:01:52: Erstens habe er ein bisschen Pablissity für die Costa-Readerei machen wollen.

01:01:56: Zweitens habe ihn der Oberkäner gebeten, ihm diesen Gefallen zu tun, weil seine Mama auf Giglio wohnt und er sie gerne grüßen wollte.

01:02:03: Und drittens habe er einem ehemaligen Kollegen, der einen Haus auf Giglio besetzt, die Ehre erweisen wollen.

01:02:09: Die Nachfrage vom Vorsitzenden, ob nicht seine affäre Dominika, der Grund für das Manöver gewesen sei, verneint der Kapitän und meint, alles in allem habe eine Dummheit zu der Katastrophe geführt.

01:02:20: Da sind eindeutig zugeordnete Aufgaben nicht erfüllt worden.

01:02:24: Und mit dieser Aussage verdeutlicht Skatino, wem er die Schuld daran gibt, dass die Costa Concordia mit mehr als viertausend zweihundert Menschen an Bord auf einen Päsen aufgelaufen und gesunken ist.

01:02:34: Nämlich vor allem seiner Besatzung.

01:02:36: Denn die habe ihn nicht darauf aufmerksam gemacht, dass das Schiff sich viel zu nah an der Küste befinde.

01:02:42: Ganz besonders sieht der Kapitän sein indonesischen Steuermann in der Schuld.

01:02:46: Der habe die auf englisch gegebenen Befehle nicht richtig verstanden und so nicht korrekt befolgt.

01:02:51: Auch der Costa-Rederei gibt Scatino eine Mitschuld.

01:02:54: Sie hätte aus kommerziellen Interessen nämlich die Verneigung der Kreuzfahrtsschiffe vor den Küsten ausdrücklich gewilligt.

01:03:01: Die Frage des Vorsitzenden, was denn seine Funktion an Worte Schiffes gewesen sei, beantwortet Scatino folgendermaßen.

01:03:08: Auf dem Schiff komme ich als Kapitän gleich nach Gott.

01:03:12: Immer wieder fällt Skatino mit solch arroganten und total realitätsfern Äußerungen auf.

01:03:17: So erklärt er, nachdem er gefragt wird, ob es aufgrund der vielen schreienden Menschen nicht Grund für eine schnelle Evakuierung gegeben habe, die Menschen schreien auch in Achterbahn.

01:03:26: Und als der Richter nachfragt, warum er denn so früh vom Wort gegangen sei, erklärt er, Ich bin gestrauchelt und lag plötzlich im Rettungsboot.

01:03:35: Skatino sah also nicht freiwillig von Bord gegangen, sondern wegen der Schrickstellung des Schiffs gefallen.

01:03:41: Auch zwischen den Verhandlungstagen zeigt Skatino sich sehr mitteilsam.

01:03:45: Gerne gibt er den zahlreich angereisten Pressevertreter in Interviews, tritt an der Universität von Rom als Gastredner in einem Masterkurs für Krisen- und Notfallmanagement auf und erklärt der Welt seine Sicht der Dinge.

01:03:57: Nur entschuldigen, das mag der Kapitän sich nie.

01:04:00: Von den italienischen Medien erhält er dafür den Namen Kapitän Feigling und den Titel Italiens meistgehasstermann.

01:04:07: Für die Bildzeitung ist Gattino der Lügenkapitän und auch im Spiegel lautet die Schlagzeile Capitano delitante, der Amateurkapitän.

01:04:16: Anfang Februar ist nach fast siebzig Sitzungszagen die Zeit reif für die Schlussplädoyés.

01:04:21: Zuerst äußert sich Skatinos Verteidigung.

01:04:24: Ich verlange für Skatino den Freispruch, weil so viele andere Umstände zum Ausgang dieses Ereignisses mit beigetragen haben.

01:04:31: Er ist nicht vorbestraft, er ist anständig, das war ein Unfall hervorsitzender.

01:04:35: Einer dieser verfluchten Unfälle, die jedem passieren können, der zu See fährt.

01:04:39: Seine Anwände sind der Meinung, dass die Staatsanwaltschaft ihren Mandanten als alleinigen Angeklagten vorverurteilt habe, während die anderen mit verantwortlichen, mit außergerichtlichen Einigungen belohnt worden seien.

01:04:50: Zum Vorwurf der Kapitän habe den Alarm zu spät ausgelöst, heißt es im Plädoyer der Kapitän sei nicht tatenlos gewesen, sondern habe versucht herauszufinden, was zu tun sei.

01:04:59: Mehr als viertausend Menschen ins Wasser zu bringen war die gefährlichste Sache.

01:05:03: Das Schiff ist immer das sicherste Rettungsboot.

01:05:06: Für den Tod von Zweiundreißig Menschen sollen laut Skethinos Verteidigung vor allem die Kommunikationsprobleme mit nicht italienischsprachigen Besatzungsmitgliedern und ein technischer Defekt verantwortlich sein.

01:05:17: Das Unglück sei ein unvorhergesehenes, außergewöhnliches und nicht absehbares Ereignis gewesen.

01:05:23: Der Staatsanwalt ist da allerdings ganz anderer Meinung.

01:05:26: Er bezeichnet den Kapitän als unvorsichtigen Idioten, Feigling und Lügner.

01:05:30: Und er sagt, Gott soll Gnade mit ihm haben, weil wir keine haben können.

01:05:34: Er fordert sechsundzwanzig Jahre und drei Monate Gefängnis fürs Gatino.

01:05:38: Wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung.

01:05:40: Fahrlässigen herbeinführends einer Havarie, fehlender Kommunikation mit den Behörden und verlassen das Schiffs.

01:05:47: Den letzten Punkt fanden wir vor allen Dingen spannend, weil klar, man weiß, dass es diesen Satz gibt.

01:05:53: Der Kapitän geht als Letzter von Bord.

01:05:55: und natürlich kennt man auch diese Szene aus der Titanic.

01:05:58: in der der Kapitän das Ruder halt noch in der Hand hält, während das schon fast im Meer versunken ist.

01:06:05: Aber rechtlich ist das nicht so einfach durchzusetzen, zumindest in Deutschland.

01:06:09: Das ist nirgends im Sehrecht so explizit festgehalten.

01:06:12: Es gibt also keinen Paragrafen, der ausdrücklich besagt, dass der Kapitän oder die Kapitänin im Notfall an Bord bleiben muss.

01:06:20: Es handelt sich hierbei eher um einen alten Seemanns Ehrenkodex, also so eine moralische Pflicht.

01:06:26: die historisch so gewachsen ist.

01:06:28: Im italienischen Schiffwärtsgesetz sieht das allerdings ein bisschen anders aus.

01:06:32: Hier heißt es in Paragraph dreihundertdrei, Zitat, der Kapitän muss das Schiff als Letzter verlassen und dabei nach Möglichkeit die Karten und Lokbücher retten, sowie die Wertgegenstände, die ihm anvertraut wurden.

01:06:42: Kapitäninnen, die dagegen verstoßen, können in Italien zur Haftstrafe von bis zu zwölf Jahren verurteilt werden.

01:06:48: Unter die Costa Concordia in italienischen Gewässern gesunken ist und übrigens auch unter der italienischen Flagge fuhr, kann die Staatsanwaltschaft ihn auch deswegen anklagen.

01:06:58: Warum Schiffsführerinnen allerdings auch in Deutschland nicht einfach so gehen können, wann sie wollen, erklärt uns Max Johns, Professor für Maritime Management und ehemaliger Geschäftsführer des Verbands Deutscher Reda.

01:07:09: Der Kapitän ist in der Hauptfunktion, also Kapitän oder Kapitäninnen dafür verantwortlich, dass die ganze Besatzung und auch die ganzen Passagiere gerettet werden.

01:07:18: Das ist die Hauptpflicht.

01:07:19: Das Schiff kommt danach.

01:07:20: Das Schiff kann ruhig untergehen.

01:07:22: Das ist ein Sachschaden.

01:07:23: Es kommt auf die Menschen hier vor allem an.

01:07:25: Und es gibt zwei große Konventionen.

01:07:28: Das ist einmal die Solarskonvention.

01:07:30: Da geht es um Sicherheit auf See.

01:07:32: Und es gibt die zweite Konvention der Vereinten Nationen, die STCW.

01:07:36: Da geht es um das Training und die Ausbildung von Seeleuten.

01:07:39: Und unter Solars ist festgeschrieben, dass... Kapitän nicht nur für die sichere Navigation des Schiffes verantwortlich ist, sondern auch die ultimative Verantwortung trägt.

01:07:47: Und das ist eben auch die ultimative Verantwortung im Rettungsfall.

01:07:52: Und da muss Kapitän und dann auch die Offiziere allen Menschen helfen, die in Gefahr geraten sind.

01:07:58: Und das zweite wird dann nochmal festgeschrieben in SDCW, dass die Evakuierung eines Schiffes auf jeden Fall zu den Pflichten des Kapitäns gehört.

01:08:07: Und es ist, und das ist in einigen Gesetzen dann auch vorgeschrieben, und gehört natürlich zur Tradition auch dazu, dass so eine Evakuierung nur von Bord aus wirklich koordiniert werden kann.

01:08:19: Der Kapitän bzw.

01:08:20: die Kapitänin hat also eine Fürsorgepflicht für die Menschen an Bord.

01:08:23: Prof.

01:08:24: Dr.

01:08:24: Johns hat erklärt, dass deshalb Schiffsführerinnen, wenn sie ihr Schiff im Notfall im Stich lassen, auch in Deutschland mit Konsequenzen rechnen müssen.

01:08:31: Das können zum einen berufliche Konsequenzen sein, beispielsweise eine Kündigung, aber auch strafrechtliche.

01:08:37: Da gibt es am Ende dann... kein Urteil wegen Verlassen des Schiffes, wie in Italien, aber natürlich kann jemand dann auch zum Beispiel wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt werden.

01:08:47: Das müssen die Gerichte aber dann immer im Einzelfall erklären.

01:08:51: Am letzten Verhandlungstag ergreift dann auch Scatino noch einmal das Wort.

01:08:55: Unter Tränen sagt er, an diesem dreizehnten Januar bin auch ich teilweise gestorben.

01:09:00: Von der ersten Stunde nach dem Schiffbruch bis zur letzten Phase dieses Prozesses wurde mein Kopf in einer Verhandlung angeboten, die ein ganzes Unternehmen hätte einbeziehen sollen und mich stattdessen als einzigen Angeklagten sieht.

01:09:13: Es ist schwierig, das, was ich lebe, ein Leben zu nennen.

01:09:17: Ja, lassen wir kurz so stehen.

01:09:19: Ja, vor allem in Anbetracht dessen, dass der Typ gar nicht in Haft sitzt.

01:09:23: Also der ist während der Verhandlung nicht in Untersuchungshaft, sondern in Hausarrest.

01:09:29: Als er diese letzten Worte ausspricht, versagt ihm unter heftigen Schluchzen die Stimme.

01:09:34: Als am elften Februar, die Richter zum letzten Mal auf der Bühne Platz nehmen, bleibt unten vor dem Orchestergraben einsitzfrei.

01:09:41: Kapitän Skatino ist heute nicht anwesend.

01:09:44: Er habe Fieber, erklären seine Anwälte.

01:09:46: Dafür sind aber viele andere Menschen extra für den heutigen Tag angereist.

01:09:50: Die Anspannung im Theater ist groß.

01:09:52: Dann setzt der Vorsitzende an.

01:09:54: Francesco Scatino wird wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung und Körperverletzung, wegen fahrlässigen Verursachens des Schiffbruch, wegen zurücklassenshilfebedürftiger Entarteinheit mit dem vorzeitigen Verlassen des Schiffs und wegen der fehlenden Kommunikation zu sechzehn Jahren und einem Monat Haft verurteilt.

01:10:12: Das Gericht untersagt dem Kapitän außerdem fünf Jahre lang ein Schiff zu führen und für den Rest seines Lebens ein öffentliches Amt zu begleiten.

01:10:19: Mit dem Urteil nehmen die Richter alle Anklagepunkte der Staatsanwaltschaft auf.

01:10:23: Doch bleiben sie deutlich unter dem geforderten Strafmaß.

01:10:26: Die Anwaltschaft zeigt sich nach dem Urteilspruch trotzdem zufrieden.

01:10:30: Der langjährige Prozess hat allen Nerven gekostet, doch schließlich konnte er antworten auf all die Fragen der über dreitausend Passagierinnen und fast tausend Besatzungsmitglieder die fand, die sich schon seit über drei Jahren die Frage stellen, wie aus einem netten Urlaub so eine Todesfahrt werden konnte.

01:10:46: Die Fehler, die an jenem Abend gemacht wurden, reihen sich aneinander wie die Passagierinnen an der Gangway, bevor sie das erste Mal das Schiff bestiegen.

01:10:54: Rettungsübungen wurden nicht vorschriftmäßig durchgeführt, Besatzungsmitglieder wussten ihre Rollen nicht und hatten teilweise nicht entsprechende Nachweise für ihre Rettungsausbildung.

01:11:02: Die Schiffsführung hätte bereits nach fünfzehn Minuten nach der Kollision, nachdem bekannt war, dass mindestens drei Abteilungen geflutet waren, die Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung informieren und die Evakuierung einleiten müssen.

01:11:13: Stattdessen tat sie dies erst kurz vor elf, also knapp eine Stunde zu spät.

01:11:18: Außerdem wurden zuerst die Boote der Steuerbordseite benutzt, also der Seite, die zum Land gerichtet war und ins Wasser hängen, obwohl abzusehen war, dass bei zunehmender Neigung der Costa Concordia die Rettungsbote auf der anderen Seite nicht mehr ins Wasser gelassen werden konnten.

01:11:32: Die Liste ist ewig lang.

01:11:34: Und natürlich steht auf Skethinos Versagen darauf.

01:11:37: dass für seinen Rechtsbeistand zu hart verurteilt wurde.

01:11:40: Und auch Skatino selbst ist enttäuscht davon, dass er wegen vorzeitigen Verlassen des Schiffes verurteilt wurde.

01:11:45: Weil er ja angeblich nichts für seinen vorzeitigen Abgang kann, will er sich mit dem Urteil nicht zufriedengeben und legt Prävision ein.

01:11:53: Doch die bleibt erfolglos.

01:11:55: Aus dem Gefängnis heraus legt er dann im Januar, für seine Verurteilung, beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strasburg ein.

01:12:03: Bis heute gibt es keine Entscheidung.

01:12:05: will Skatino nicht gerade versucht aus der Haft zu kommen, soll er Berichten zufolge regelmäßig meditieren und Jura und Journalismus studieren.

01:12:14: Ansonsten soll er sich von seinen Verwandten gerne mehr Wasser ins Gefängnis mitbringen lassen, um seine Haare damit zu benetzen.

01:12:21: Inzwischen darf er allerdings das Gefängnis tagsüber verlassen und gemeinnütziger Arbeit nachgehen.

01:12:26: Matthias und Marcel haben den Prozess und auch das, was Skatino danach veranstaltet hat, von Deutschland aus engmaschig verfolgt.

01:12:33: Matthias hat sich sogar einen Google Alert eingestellt, um nicht eine Meldung über den Kapitän zu verpassen.

01:12:38: Fast die beiden Männer von den Sechzehn Jahren Haft halten, hat uns diesmal Marcel erzählt.

01:12:44: Ob das angenessen ist oder nicht, kann jeder für sich selber bewerten.

01:12:48: Was uns beiden im Nachhinein wirklich negativ aufgefallen ist und was uns auch gestört hat, ist, dass nur Chetino und ich glaube, eins, zwei Leute noch angeklappt wurden.

01:12:58: Wir sind der Auffassung, dass dort viel, viel mehr Leute zur Verantwortung hätten gezogen werden müssen.

01:13:04: Denn die ganze Riege der Offiziere hat sich, als das Unglück passiert ist, vom Schiff gestohlen auf gut Deutsch.

01:13:13: Die haben sich alle über eigene Rettungsboote in Sicherheit gebracht.

01:13:18: Dort war keiner da, der was organisiert hat, der was koordiniert hat.

01:13:22: Und die haben im Endeffekt die komplette Führungsriege die Leute ihren Schicksal überlassen.

01:13:28: Und das ist nie richtig aufgearbeitet worden und das ist eine ganz große Sauerei aus unserer Sicht.

01:13:34: Ja, und das kann ich total nachvollziehen, dass man unzufrieden ist damit, dass sich da alle schön mit so Deals aus der Affäre gezogen haben, mehr oder weniger.

01:13:44: Ja, also dafür gibt es doch die Strafverfolgungsbehörden, damit ganz genau aufgeklärt werden kann, was passiert ist und wehen, welche Schuld trifft.

01:13:54: Und ganz ehrlich, natürlich trifft Skatino hier die größte Schuld, aber es kommt halt auch ein bisschen so rüber wie das Bauernopfer, weil die anderen sich so einfach aus der Affäre stehlen konnten und mit Bewährungsstrafen davon gekommen sind.

01:14:10: Er bietet

01:14:10: sich halt auch sehr als Bauernopfer an, muss man dazu sagen.

01:14:14: Also, Opfer möchte ich da auch wirklich nur in Anführungsstrichen setzen.

01:14:18: Ja.

01:14:19: Ehrlicherweise finde ich die sechzehn Jahre Haft für ihn gerechtfertigt.

01:14:22: Also das wäre in Deutschland eine Verurteilung wegen Mordes.

01:14:26: Also lebenslang ab fünfzehn Jahren kann man dann einen Antrag auf Bewährung stellen.

01:14:30: Das finde ich schon in Ordnung.

01:14:32: Und was diese Schuldverteilung angeht, wissen wir ja auch aus deutschen Fällen wie bei der Love Parade, dass sobald da mehrere Leute ihre Finger im Spiel hatten und die Schuld auf mehreren Schultern eigentlich liegt, das halt auch eine super Umgebung ist, um sich dann nachher aus der Affäre ziehen zu

01:14:48: können.

01:14:49: Ja, ich finde die sechzehn Jahre auch gerechtfertigt.

01:14:51: Vor allem in Anbetracht dessen, wie Skethino sich nach diese Manöver verhalten hat.

01:14:58: Also ja, schon alleine dieses Manöver zu fahren, war komplett fahrlässig und hinrissig und total bescheuert und es geht gar nicht.

01:15:07: Und peinlich und alles schlimmer.

01:15:09: Aber wie kann man danach so handeln, wie er das gemacht hat?

01:15:13: Weil ich kann mir vorstellen, dass wenn er danach direkt richtig gehandelt hätte, man die Leute hätte retten können.

01:15:19: Weil es war ja nicht so weit weg von dem Festland und es waren ja Helferinnen auch unterwegs.

01:15:25: Die wären doch so schnell da gewesen,

01:15:28: wenn

01:15:28: er das nach diesen fünfzehn Minuten gemacht hätte.

01:15:32: Und da muss man ja auch noch mal dazu sagen, dass die alle total Glück hatten, dass der Wind an diesem Tag so war, weil er das Schiff auch nachdem das schon nicht mehr richtig steuerfähig war, so dicht noch an die Küste geschoben hat.

01:15:46: Denn unter anderen Windverhältnissen wäre das, das wurde nachher ermittelt, weiter raus aufs Meer getrieben und dann wäre das Schiff in hundert Metern Tiefe gesunken und dann hätte es viel mehr Todesopfer gegeben.

01:15:57: Ja.

01:15:58: Die Costa-Riederei hat danach jedem Passagier und jeder Passagieren elftausend Euro als Entschädigung angeboten.

01:16:05: Marcel hält das für wenig.

01:16:07: Er meint, Zitat, Costa hat den Betroffenen Hilfe zugesagt und dieses Versprechen löst das Unternehmen nicht ein.

01:16:14: Stattdessen gehe es ihnen nur darum, sich in der Öffentlichkeit ins rechte Licht zurück und alle Schuld aufs Ketino

01:16:19: zu schieben.

01:16:20: Trotzdem nehmen er und Matthias die Zahlung am Ende an.

01:16:23: Und auch Angelika hat die Zahlung akzeptiert.

01:16:26: Ich habe ja keine Verletzung und die Gabi bringt mir kein Geld der Welt zurück, sagt sie.

01:16:31: Lange Zeit nach dem Unglück findet Angelika nur schwer in den Schlaf.

01:16:34: Albträume suchen sie heim.

01:16:36: Albträume, in denen sie plötzlich wieder auf der Costa Concordia ist.

01:16:39: Angelika läuft und läuft, doch sie kommt nicht vorwärts.

01:16:42: Dann kippt das Schiff um und Angelika schreckt aus ihrem Schlaf hoch.

01:16:46: Manchmal träumt sie auch davon, an Gabis Stelle gewesen zu sein.

01:16:49: Dann bleibt sie auf dem Schiff, sieht ihre Freundin wegschwimmen und schafft es selbst nicht mehr.

01:16:54: Die Frage, warum sie überlebt hat und ihre Freundin nicht beschäftigt, Angelika noch immer.

01:16:58: Die Kosten für Gabis Beerdigung hat die Costa-Rederei übernommen.

01:17:02: So oft sie kann, besucht Angelika das Grab ihrer Freundin.

01:17:05: Um weitererleben zu können, musste sie Gabis Tod akzeptieren und abschließen.

01:17:09: Dabei hat ihr vor allem auch der Trauer Gottesdienst in der kleinen Kapelle auf Gileo einen Monat nach dem Unglück geholfen.

01:17:14: Den hat Angelica gemeinsam mit ihrer Tochter und ihrem Enkel besucht.

01:17:18: Die Messe wurde auf Italienisch gehalten.

01:17:20: Deshalb hat Angelica kaum ein Wort verstanden.

01:17:23: Doch das musste sie auch nicht.

01:17:24: Dort war so eine friedliche Stimmung, erzählt sie.

01:17:27: Als würde Gabi sagen, lass los.

01:17:30: Alles ist gut.

01:17:31: Mir geht's

01:17:31: gut.

01:17:33: Im Sommer, ein paar Monate nach der Tragödie kennen auch Matthias und Marcel noch einmal gemeinsam mit ihren Frauen auf die Insel zurück.

01:17:41: Die Männer werden genau wie Gabi noch lange von der Unglücksnacht verfolgt.

01:17:45: Immer wieder sind sie da, die Bilder der panischen Menschen und immer wieder hören sie auch den hohen, spitzen Schrei der alten Dame, die gemeinsam mit ihrer Freundin von den Fluten in den Fahrstuhl schachtgerissen wurde.

01:17:56: Beide Männer brauchen in der Zeit danach psychologische Hilfe.

01:17:59: Marcel fährt es besonders schwer, sein Gedankenkarussell zu stoppen.

01:18:04: Bei mir, wochenlang, monatelang, jahrelang der Gedanke durch den Kopf gegangen ist, was wäre gewesen, wenn ich mit meinen Kindern an Bord gewesen wäre?

01:18:11: Hätte ich die alle retten können?

01:18:13: Hätte ich meine Familien-Sicherheit bringen können?

01:18:16: Noch mal einen Fuß auf ein Kreuzfahrtschiff setzen ist nicht mehr drin für Marcel.

01:18:20: Sein Kumpel Matthias hingegen stellt sich seine Angst jetzt seit Jahren.

01:18:24: So erfolgreich, dass er mittlerweile wieder gerne auf den Meeren dieser Welt unterwegs ist.

01:18:29: Mittlerweile ist es so, dass ich mich wohlfühle auf dem Schiff, dass ich wirklich den Urlaub genieße, den ich auf dem Schiff habe.

01:18:37: Ich fahre aber nur Kosta.

01:18:39: Klingt vielleicht blöd, aber ich fühle mich trotz der Katastrophe sicher auf Kostaschiffen.

01:18:45: Doch jedes Jahr im Januar kommen auch heute noch die Bilder zurück, die sie an das Schreckliste erinnern, was die beiden Männer in ihrem Leben je erlebt haben.

01:18:55: Es kommt ja im Endeffekt immer wieder so... zum Jahrestag des Unglücks alles hoch.

01:19:00: Ich denke mal, wir sind beide Meister des Verdrängens, deshalb können wir mit der ganzen Geschichte auch ganz gut umgehen.

01:19:07: Wir können unseren Alltag ganz normal leben, aber wenn dann wieder der dreizehnte Januar ansteht, dann kommt die Erinnerung hoch, dann redet man drüber und dann sind natürlich die Gedanken auch immer bei den zwei älteren Frauen, die ihr Leben dort lassen mussten und das schwirkt uns auch unser ganzes Leben verfolgen.

01:19:28: Ja und bei dieser Jahrestag eben jetzt auch wieder bald ansteht, haben wir diese Folge extra jetzt auf dieses Veröffentlichkeitsdatum gesetzt, damit wir alle diesen Opfern gedenken können, denn elf Jahre danach ist das immer noch ein Fall, der in vielen, vielen Köpfen noch sehr präsent ist.

01:19:47: Ja, es ist ja wirklich so wie Marcel jetzt gesagt hat, also bei den Menschen, die auf der Costa Concordia waren, das waren ja über viertausend, ist das ja Nicht vergessen, wie würde ich mal sagen, bei den meisten Leuten, die in den Tagen damals dann dieses Schiff gesehen haben und sich gedacht haben, wie kann das denn sein?

01:20:06: Und immer irgendwie diesen Kapitän im Kopf haben.

01:20:09: Aber da gab es ja so viele Opfer, nicht nur die Zweiunddreißig Todesopfer, sondern Hunderte von Menschen, die bis heute unter dieser Katastrophe leiden und unter den Fehlern, die dieser Mann da begangen hat.

01:20:23: Ja, und das sind eben auch nicht nur die hundertsetzenundfünfzig, die da Nebenkläger ihnen vor Gericht waren, also nur weil sich nicht jeder damit hat auseinandersetzen können und die Kraft besessen hat, da sich anweitliche Hilfe zu holen, heißt das ja nicht, dass die nicht genauso leiden wie die oder mehr.

01:20:41: Ja.

01:20:42: Ich meine, Angelika hat ihre Freundin verloren und das wird immer ihr ganzes Leben lang so bleiben.

01:20:47: Ja.

01:20:48: Das riesige Wrack der Costa Concordia lag noch bis Juli, vor der Insel Gileo, bis sie mithilfe der aufwendigsten Aktion in der Geschichte der Seefahrt geborgen und anschließend im Hafen von Genoa verschrottet werden konnte.

01:21:01: Die Entschädigungszahlung mitgerechnet kostet das die Costa-Readerei, Euro.

01:21:12: Darauf sind neben dem Namen Gabi Maria Grube, auch noch dieser einundreißig weiteren zu lesen.

01:21:18: Diana Arlotti

01:21:20: William Arlotti

01:21:22: Elizabeth Bauer

01:21:24: Mikael Blemont

01:21:25: Thomas Alberto Costilla Mendoza

01:21:29: Maria DiTrono

01:21:31: Shando Feher

01:21:32: Horst Galle

01:21:34: Christina Matilde Gans

01:21:36: Norbert Josef Gans

01:21:38: Luisa Antonia Virzi

01:21:40: Giuseppe Girolamo

01:21:42: Pierre Grégoire

01:21:43: Jean Grégoire

01:21:45: Guillermo Gual Boades

01:21:48: Barbara N. Heil

01:21:50: Gerald Frank Heil

01:21:52: Egon Martin-Hua

01:21:53: Milaine Litzler

01:21:55: Giovanni Massia

01:21:57: Jean-Pierre Michaud

01:21:58: Margarit Nett

01:22:00: Russell Terrence Rebello

01:22:02: Inge Schall

01:22:03: Johanna Margaret Schröta

01:22:06: Francis Servais

01:22:08: Erika Fanny Zoria Molina Und

01:22:18: mit dem Gedenken an die Opfer verabschieden wir uns jetzt für diese Folge von

01:22:39: euch.

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